Nachdem wir im letzten Blogpost die Problematik um Strong Female Characters gelöst haben, klären wir heute ein für alle mal, worüber sich Literaten, Leser und L…Autoren streiten, seit es Streits gibt: Was ist ein gutes Buch?

Scherz – und Allgemeingültigkeitsansprüche – beiseite: Die Frage ist eine, die mich beschäftigt hat, seit ich lesen kann. Es ist eine Frage, mit der man sich als lesendes Kind früher oder später konfrontiert sieht, auch wenn man das vielleicht erst im Nachhinein feststellt. Eltern, Anverwandte und Lehrer rümpfen gerne mal die Nase, wenn sie sehen, worin ein Kind die seinige steckt, jeder ist wohl schon einmal aufgefordert worden, mal „Was Richtiges™“ zu lesen. Zumindest von meinen Eltern habe ich mir das glücklicherweise nie anhören müssen. Als ich alt genug war, mir nichts mehr vorlesen lassen zu müssen und mir eigenständig meinen Weg durchs Unterholz der Zeilen schlagen konnte, war zweitrangig, was ich las, solange ich nur las (- auch wenn ich mich an die eine oder andere gerümpfte Nase in Bezug auf Comichefte erinnere). Und was habe ich mitunter für einen Mist gelesen. Meine Regale quollen über vor Star Wars-Romanen und den Büchern aus Wolfgang Hohlbeins Repertoire, bei denen ich damals schon irgendwie das vage Gefühl hatte, dass vieles hier nicht so recht funktionierte. Um das klarzustellen: Das Star Wars-Regal gibt es immer noch, aber es ist gestutzt. Gleiches gilt für Hohlbein.

Ich bin der festen Meinung, dass man Kinder lesen lassen sollte, was immer sie wollen, irgendwann finden sie schon den Weg zu „besseren“ Büchern. Wenn man ihnen allerdings direkt Bahnwärter Thiel oder Die Blechtrommel aufdrängt, sinkt die Chance wahrscheinlich, dass sie beim Anblick eines Buches keinen Ausschlag kriegen.

Gut, also: „Bessere“ Bücher kommen ganz von selbst, behaupte ich. Aber was genau bedeutet „besser“, was „gut“? Um den Einstiegsparagraphen mal wieder aufzugreifen: Natürlich ist alles, was ich hier schreibe, rein persönlich, meine Meinung, etc. Ein besserer Titel wäre vielleicht „Was ist ein gutes Buch für mich?“, aber das ist ein wenig holprig, ein wenig sperrig und nicht so schön sinnlos provokativ.

Ein klassisches Werk ist ein Buch, das die Menschen loben, aber nie lesen.

Ernest Hemingway

Wer liest, kennt vermutlich auch diese Person oder Personen, die immer wenigstens ein wenig die Augen verdrehen, wenn sie sehen, worin man sich so vertieft, oder das Kopfschütteln nich ganz verbergen können, wenn man begeistert von dieser Plotwendung oder diesem Charakter oder auch diesem einen perfekten Satz erzählt, den man sieben Mal gelesen hat, und immer noch nicht ganz versteht, wie ein Mensch so etwas großartiges in so wenig Worte fassen konnte. Wie kann man nur glauben, dass das die Spitze des schriftstellerischen Könnens ist, hat man etwa nie die alten Meister gelesen? Und in ihren Regalen stehen Grass und Mann und Fontane sorgsam aufgereiht. Nicht, weil diese Bücher einen Platz brauchten, sondern weil sie gesehen werden sollen. Und vielleicht gibt es ein Arbeitszimmer oder ein Bügelzimmer oder ein Regal im Schlafzimmer, in dem all die Bücher stehen, die sie gerne gelesen haben, an einem Ort den kaum jemand von außerhalb je betritt. Da steht dann alte Science Fiction, die man früher heimlich gelesen hat und dann aus dem Blickfeld gefallen sind, sodass man ganz verpasst hat, dass die Asimovs und Vonneguts inzwischen längst teil eines ihrerseits anerkannten klassischen Kanons sind.

Vieles davon hat seine Wurzeln in der anhaltenden Stigmatisierung von Genre-Fiktion, gerade in Deutschland. Science Fiction vermag da vielleicht noch mal auszubrechen, aber Fantasy, Horror – das ist doch nur was für literarische Legastheniker.

Jeder, der sich schon mal für seine Lesevorlieben rechtfertigen musste, hat wohl auch schon mal den Punkt  erreicht, an dem man mutig zur Verteidigung seiner Vorlieben loszieht, nur um festzustellen, dass es hier nicht wirklich um Argumente geht. Ich kann Stephen King anpreisen so oft ich will, sein Auge für menschliche Psychologie und die amerikanische Psyche – der Mann hat mal Horror geschrieben, aus der Schublade kommt er nie hinaus, alles was er schreibt kann gar keine Literatur sein. In vielerlei Hinsicht ist das eine sehr deutsche Einstellung. Die Definition von „Literatur“ scheint hier dem Konsensus nach zu lauten: „Bücher, die vor unserer Zeit geschrieben wurden“. Nicht nur das: „Bücher, die vor unserer Zeit geschrieben wurden und wichtige Themen angehen“. Ich möchte erweitern auf: „Bücher, die vor unserer Zeit geschrieben wurden, wichtige Themen angehen und das vorzugsweise mit dem Holzhammer“. Die Idee, ein Buch, das zur Unterhaltung geschrieben wurde, könne neben allem anderen tiefgründig, intelligent und „wichtig“ sein, scheint unendlich abstrus.

Ich frage dann gerne mal: „Also sollten wir alle nur ernsthafte Literatur lesen? Shakespeare und so?“ und warte dann drauf, wie die Wohnzimmerregalliteraten frohen Mutes zustimmend auf diesen etwas helleren Flecken Erde treten und mir in die Falle gehen. Der Witz ist natürlich folgender: Shakespeare hat zur Unterhaltung geschrieben. Nicht nur das: Zur Unterhaltung der Masse. Ja, seine Stücke behandeln große Themen – Recht und Unrecht, Hybris und menschliche Fehler, Liebe und was sie mit uns anrichtet – aber sie sind auch von vorne bis hinten voll mit Peniswitzen, Blut, Morden und all den Dingen, bei denen der Mann von der Straße sich vor Lachen den Bauch halten musste.

HAMLET: Lady, shall I lie in your lap?
OPHELIA: No, my lord.
HAMLET: I mean, my head upon your lap?
OPHELIA: Ay, my lord.
HAMLET: Do you think I meant country matters?

Shakespeare, case in point

 Es half natürlich auch, das Billy S. ein ziemliches Genie war. Für mich ist er ein Paradebeispiel dafür, was für mich gute Geschichten ausmacht – und ein besseres Kriterium ist als „Wurde vor unserer Zeit geschrieben“. Gute Geschichten unterhalten mit ihrem Plot, ihren Charakteren, ihrem Setting, ihren Dialogen, ihrem Tempo und dergleichen. Man kann sie vielleicht sogar lesen, ohne sich jemals große Gedanken machen zu müssen. Aber wenn man mit dem Fingernagel nur ein wenig an der Oberfläche kratzt, wird schnell deutlich, dass unter all dem, was sich beim Ersteindruck enthüllt, noch tiefere Ebenen liegen, dass Dinge diskutiert werden, die uns als Menschen ständig beschäftigen. Zwischen Maschinengewehrdialogen wird der Leser zum Nachdenken angeregt, aus der Konstellation der Hauptcharaktere Fragen aufgeworfen, die tief in unsere Herzen, Seelen, Köpfe reichen.

Kein Autor unserer Zeit war darin so gut, wie Terry Pratchett, dessen Scheibenweltbücher mir schon seltsame Blicke auf Zugfahrten eingebracht haben, wenn ich einen Lacher nicht zurückhalten konnte, dessen Bücher mich aber auch mit einem festen Glauben an das Gute im Menschen und Abscheu, Sorge, Schock vor all den Dingen zurückgelassen haben, die Menschen aus Unachtsamkeit, Dummheit oder fehlendem Einfühlungsvermögen zu tun imstande sind. Hinter all den Witzen standen bei Pratchett stets zutiefst menschliche Emotionen, eine Liebe für unsere Welt und ein immer präsenter Zorn auf alles, was Menschen Menschen antun können, auf Rassismus, Angst, Hass, Idiotie. Die Nachtwächter – eines meiner absoluten Lieblingsbücher – ist das perfekte Buch für unsichere Zeiten, eines, das jeder Revolutionär und jeder Politiker auf seinem Nachttisch liegen haben sollte. Hohle Köpfe vermag so einiges über Gewalt, die Macht von Gewalt und die Konzentration großer Gewalt durch Technologie in der Hand eines Einzelnen auszusagen. Fliegende Fetzen rechnet Überlegenheitsdenken und der Idee von der Unausweichlichkeit von Realpolitik ab. Alles in einer Welt in der Trolle mit steigenden Temperaturen dümmer werden, weil sie wie Computerchips funktionieren, Zwerge das weibliche Geschlecht gerade für sich entdecken, Vampire sich für Abstinenz einsetzen, Hexen, Zauberer und noch allerhand mehr magische Kreaturen existieren.

Während ich diese Zeilen schreibe, komme ich nicht umher, erneut festzustellen, wie sehr unsere Welt Terry Pratchetts braucht. Als einer der großen Autoren unserer Zeit wird er schmerzlich vermisst, als intelligenter, zorniger Mann mit einem Sinn für Gerechtigkeit und die Ungerechtigkeit und Blindheit der Welt umso mehr. Wenn also unter euch Pratchetts sind, die sich den gerümpften Nasen gegenüber sehen, den hochgezogenen Augenbrauen und den Wohnzimmerregalschreinen, dann lasst das hier ein Aufruf sein, euch nicht zu verstecken. Wenn ihr etwas zu sagen habt, wenn ihr Menschen erreichen, zum Lachen, zum Weinen, zum sich Fürchten und darüber hinaus zum Nachdenken bringen könnt, tut euch einen Gefallen: Schreibt in dem Genre, das ihr liebt, schreibt ehrlich über die Themen, die ihr liebt. So entstehen gute Bücher.

„Terry’s authorial voice is always Terry’s: genial, informed, sensible, drily amused. I suppose that, if you look quickly and are not paying attention, you might, perhaps, mistake it for jolly. But beneath any jollity there is a foundation of fury. […] He will rage, as he leaves, against so many things: stupidity, injustice, human foolishness and shortsightedness, not just the dying of the light. And, hand in hand with the anger, like an angel and a demon walking into the sunset, there is love: for human beings, in all our fallibility; for treasured objects; for stories; and ultimately and in all things, love for human dignity.“

Neil Gaiman über Terry Pratchett, einen guten Freund (theguardian.com)

Ein Geständnis: Ich wollte gar nicht so viel über Terry Pratchett schreiben, aber jetzt, da ich es getan habe, musste ich doch lange überlegen, ob dieser Artikel nicht vielleicht schon ein geeignetes Ende gefunden hat. Vermutlich hat er das. Bei allem, was trotzdem folgt also ein Hinweis: Stellt euch einfach vor, der Aufruf an die Pratchetts der Welt stünde ganz am Ende. Er ist sicherlich die wichtigste Aussage dieses Artikels, aber keinesfalls die letzte, oder die, auf die ich hinaus wollte.

Noch ein Geständnis, falls es nicht bereits offensichtlich war: Ich vermisse Sir Terry sehr. Er ist einer DER Autoren meiner Jugend und hat mein Weltbild maßgeblich geprägt, auch wenn es mir damals vielleicht noch gar nicht recht bewusst war.

Was macht ein gutes Buch aus? Handlung, Charaktere, Sprache … das alles sind erstens Allgemeinplätze und zweitens höchst subjektiv. Auch wenn die Stimme meines unterhaltungstotalitären bösen Zwillings das Gegenteil schreien möchte: Soll doch jeder lesen, was er oder sie will. Wenn es fesseln kann, muss es irgendwas richtig machen.

Was macht ein gutes Buch aus? Ich habe mich vor meine Regale gestellt und mir Buchrücken angesehen. Zusammenhänge – abgesehen von den meistvertretenen Genres Fantasy, Science Fiction, Horror – lassen sich auf den ersten Blick nicht wirklich finden. Ich habe lange Zeit alles gelesen, ehe ich ein klareres Gespür für die Dinge entwickelt habe, die ich mag und die besser funktionieren als andere und erkannt habe, dass – wie Stephen King sagt – die Geschichte wichtig ist, nicht der Geschichtenerzähler.

Authentizität ist wichtig. Die wirklich guten Bücher stehen alleine, sind auf den Covern anderer diejenigen, die nach dem „Im Stil von …“ stehen. Ein Autor, der seinen eigenen Stil gefunde hat, überzeugt eher als einer, der den Stil eines anderen nachahmt.

Ehrlichkeit ist wichtig. Ein Buch lebt davon, dass der Leser dem Autoren vertraut. Dass er bemerkt, dass die Charaktere, die Ereignisse, die Konsequenzen von Handlungen glaubwürdig und echt sind. Ehrlichkeit bedeutet hier auch, keine Rückzieher zu machen. Joe Abercrombies Charaktere springen vor Lebendigkeit förmlich vom Papier, mit all ihren Stärken und all den vielen Makeln, die der Autor nie beschönigt oder vernachlässigt. Wenn ich Red Country oder Best Served Cold lese, weiß ich, dass die Charaktere leiden, Konsequenzen und Schicksalsschläge erleiden müssen. Es ist echt, ehrlich, weil Abercrombie nie nach vorne tritt und schützend die Hand über seine Lieblinge legt.

red-country-cover
Ach, deshalb der Name! (Gollancz)

Gute Bücher nutzen das Medium aus, machen das, was nur Bücher können: Sie lassen uns in ihre Charaktere eintauchen, erlauben uns, zwischen den Zeilen neue Wahrheiten zu entdecken. Durch die Mögklichkeit, in den Kopf der Charaktere schauen zu können, kann ein Autor mit unzuverlässigen Erzählern in multiperspektivischen Geschichten spielen, kann allein durch die Reihenfolge und Kadenz der Worte auf dem Papier einen unentrinnbaren Zauber weben.

Und dann ist da noch was anderes, das schwer greifbar erscheint, wenn man ein Buch nicht genau kennt. Zu einem wirklich guten Buch kann man zurückkehren und neben all den Elementen, die man kennen und lieben gelernt hat, plötzlich ganz neue Aspekte entdecken, kann mit bereits vorhandenem Wissen versteckte Hinweise entdecken, einen Blick auf das Skelett unter all dem Fleisch und Blut erhaschen. Es ist ein Zeichen dafür, dass der Autor geschrieben hat, weil er von der Idee überzeugt, voll Liebe für seine Welt, seine Charaktere war, weil er wusste, was er tut und den Leser an der Freude darüber teilnehmen lassen wollte. Ein gutes Buch kann auf diese Weise den Leser in seine Mysterien einbeziehen, kann ihn Motivationen und Absichten und die Schatten der Vergangenheit in einem Charakter entdecken lassen. Es ist die Konsequenz aus all den anderen Punkten, der Beweis, dass der Autor dem Leser vertraut, ihn weder für dumm hält, noch verkauft. Hier darf der Leser hinter die Kulisse blicken, wenn er sich etwas Mühe gibt, um festzustellen, dass alles funktioniert, alles Sinn ergibt.

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2 Gedanken zu “Was ist ein gutes Buch?

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