Fantasy wird oft mit dem Klischee assoziiert, mit Mustern und Ideen, die nicht nur ständig wiederkehren, sondern irgendwie sogar als fester Bestandteil des Genres angesehen werden – und das nicht nur von Kritikern, sondern auch von Vertretern.

Fantasy scheint das Genre der Klischees zu sein, wenn man sich ansieht, welche Konzepte darin immer wieder auftauchen: Dunkle Lords nach Saurons Schablone, mutige Multikulti-Gefährten, magische Artefakte (oftmals Schwerter); Elfen und Orks (oder vergleichbare, von Natur aus böse Kreaturen); der Kampf zwischen Gut und Böse™, ausgetragen auf großen Schlachtfeldern. Infolgedessen beschäftigt sich eine beliebte Diskussion in Fantasy- und Schreiberling-Foren gerne mit der Frage nach der Notwendigkeit solcher Klischees: Braucht Fantasy diese Ideen um Fantasy zu sein? Sollten die Fantasyautoren der Zukunft das Joch des Klischees abwerfen und in völlig neue Gefilde stürmen? Manch eine Gegenstimme zu dieser Denkrichtung bringt die Frage auf, ob nicht das immer wiederkehrende Aufkommen von Klischees ein Beweis dafür ist, dass die Leute genau das lesen wollen? Ist nicht der Vorwurf an das Genre (und Genres im Allgemeinen) wahr, dass es erst durch das Klischee definiert werden kann? Dass es um der Klischees Willen gelesen wird, um Bekanntes in neuen Konstellationen immer wieder zu erfahren und auf sechshundert Seiten und mehr Behaglichkeit in sicheren Umgebungen zu finden? Und ist nicht der Bruch mit dem Klischee ein narrensicherer Weg, enttäuschte Leser zurückzulassen, die ihre Erwartungen nicht erfüllt sehen? Gewinnt der Dunkle Lord und stürzt die Welt ins Zwielicht, mag mancher das als Verrat an der zentralen Idee des Eskapismus sehen, die von Kritikern und Fans gelegentlich zum Kernelement der Fantasy erhoben wird.

Alles gute und wichtige Fragen, aber diese hier zu diskutieren würde letztlich bloß Strohmann-Diskussionen darstellen – einen hypothetischen Gegenüber zu widerlegen ist keine sonderlich schwere Aufgabe. Statt also mit erhobenem Finger und im Professoren-Pollunder ein für alle mal darzulegen, welche Meinungen richtig und falsch sind und warum die Vertreter der falschen dem Genre schaden (die Banausen!), möchte ich einen anderen Weg aufzeigen. Eventuell wird das ganze dadurch ein wenig technischer als es sollte und möglicherweise trage ich zum Thema nicht mehr bei, als es weiter zu verkomplizieren. Wahrscheinlich erzähle ich hier nicht einmal sonderlich viel Neues. Ich denke aber, dass es für kreatives Schaffen niemals falsch sein kann, sich mit dem auseinanderzusetzen, was wir da eigentlich treiben, wenn wir Worte aneinanderreihen. Nur, indem wir auch die technischen Aspekte des Schreibens zu verstehen versuchen, können wir mehr darüber lernen, wie eine Geschichte eigentlich funktioniert.

Ich möchte folgendes behaupten: In den meisten Diskussionen über Sinn und Unsinn von Klischees, wird eigentlich nicht über Klischees diskutiert, sondern über Tropen. Aber was sind Tropen und warum ist ein Tropos nicht per se ein Klischee? Und warum sollte die Unterscheidung irgendwen interessieren? Meine Antwort: Indem wir bewusst zwischen beiden Begriffen unterscheiden, können wir zum eigentlichen Kern des Problems vorstoßen.

„A hero ventures forth from the world of common day into a region of supernatural wonder: fabulous forces are there encountered and a decisive victory is won: the hero comes back from this mysterious adventure with the power to bestow boons on his fellow man.“

The Hero with a Thousand Faces – Joseph Campbell

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Der Held in tausend Gestalten – Joseph Campbell (New World Library)

Um mit einem Dämpfer einzusteigen: Während man sich unter „Klischee“ schnell etwas vorstellen kann, sind Tropen (oder „tropes“ für alle Anglophilen) etwas schwerer greifbar. Die Definition, die ich verwenden möchte, ist außerdem nicht so sehr aus der Rhetorik entlehnt, woher der Begriff ursprünglich stammt, sondern bezeichnet in der moderneren, für uns interessanteren Bedeutung wiederkehrende Stilmittel, Ideen, Bilder, Themen etc. Wichtig dabei: Der Begriff an sich ist – anders als der des Klischees – erst einmal völlig wertfrei. Dass ein Tropos verwendet wird, hat nichts zu bedeuten, wichtiger ist, sich anzuschauen, wie es verwendet wird.

Ein Beispiel für ein Tropos wäre etwa der oben genannte Dunkle Lord. Ebenso ist die vom Drachen geraubte und in einen Turm oder eine Höhle gesperrte Jungfrau ein Tropos. Die Heldenreise, wie Joseph Campbell sie in Der Heros in tausend Gestalten beschreibt (etwa Bauer zu Weltenretter), ist ebenfalls eiin Tropos. Gerade in der Fantasy ist letztere aber inzwischen längst zu einem Klischee geworden: Einem Tropos also, der so häufig verwendet wurde, dass er sich wie ein paar alte Schuhe abgewetzt hat. „Klischee“ ist also, was ein Tropos erstmal nicht ist: eine Wertung. Die Unterscheidung ist darum wichtig, weil bestimmte Tropen verstärkt mit bestimmten Genres assoziiert werden. Die oben genannten sind etwa typisch in der Fantasy. Jeder Leser, der ein Buch aufschlägt und von finsteren Herrschern und ihren Schergen liest, kann auf bestimmte Vorstellungen zurückgreifen und wird bestimmte Erwartungen an den Text formen, die beeinflussen, was in seinem Kopf vorgeht, während er sich durch die Seiten arbeitet und mit welchem Eindruck er letztlich das gelesene Buch beiseite legen wird. Ein Autor, der ein Tropos verwendet, stellt – bewusst oder unbewusst – eine Verbindung zwischen seinem Text und den in Tropen enthaltenen Erwartungen her, ob er will oder nicht. Tropen effektiv einzusetzen, bedeutet daher auch, sich ihrer bewusst zu werden. Nur dadurch können sie effektiv eingesetzt und vom Klischee fort navigiert werden. Doch dazu später mehr.

Was also sind Tropen aus der Perspektive des Autoren? Kurzschrift. Abkürzungen. Sie ermöglichen es, dem Leser bestimmte Ideen zu vermitteln, ohne diese Ideen langwierig erklären zu müssen. In der Fantasy kann ein geschickt verwendeter Tropos den Unterschied zwischen einem durchgelesenen und einem beiseite gelegten Buch ausmachen. Wenn dem Leser eine völlig neue Welt präsentiert werden muss, mit kulturellen, sprachlichen, historischen Eigenheiten, gleichzeitig neue Charaktere eingeführt, Kleidung beschrieben und Beziehungen etabliert werden müssen, kann jede zusätzliche Information die sein, die das Fass zum überlaufen bringt. Ein Leser, der begeistert die Geschichte Generistans in den letzten siebenhundert Jahren liest, hat möglicherweise weniger Geduld für langwierige Erklärungen über den Kleidungsstil oder die Art von Rüstungen, die in Generistans Heer getragen werden, besonders wenn sie nichts zur Geschichte beitragen. Die Information, dass Generistans Ritter in Plattenrüstungen aufs Feld reiten, greift dagegen auf bekanntes Wissen zurück. Tropen können sozusagen die Ökonomie einer Geschichte durch Sparsamkeit an bestimmten Stellen unterstützen.

„One for the Dark Lord on his dark throne
In the land of Mordor where the shadows lie
.“

Lord of the Rings – J.R.R. Tolkien

Ein Tropos wird dann zum Klischee, wenn sie übermäßig und/oder unbedacht verwendet wird. Dann wird schnell der Ruf laut – und ich habe mich dessen in der Vergangenheit auch schuldig gemacht – sie gleich komplett abzuschaffen. Dunkle Lords? Breitgetreten. Magische Artefakte? Ausgelutscht. Prophezeiungen? Kommen mir schon zu den Ohren heraus. Die Unterscheidung zwischen Klischee und Tropos ermöglicht, einen Schritt zurückzutreten und zu erkennen, das ein Werkzeug nicht in seiner Natur schlecht ist, sondern nur dann, wenn es schlecht verwendet wird – und schlecht bedeutet in diesem Zusammenhang oftmals nichts anderes als „unüberlegt“. Viele Geschichten junger Schreiberlinge, die sich voller Begeisterung ans Werk machen – meine eigenen frühen Gehversuche eingeschlossen – strotzen nur so vor von Tolkien durchgepausten Konzepten. Das hat meiner Meinung nach erstmal wenig mit versuchten Plagiarismus zu tun. Viel mehr werden bestimmte Elemente als essentiell für Fantasy akzeptiert, als Dinge, die „einfach rein müssen“. Ich möchte behaupten, dass viele billige Tolkien-Kopien weniger im bewussten Versuch Trittbrett zu fahren entstanden sind, sondern weil die Autoren sich nie vom Manuskript zurückgelehnt und die Tropen, die sie verwenden, hinterfragt haben. Auch deshalb ist die Unterscheidung wichtig. Abkehr von allen Klischees zu predigen führt im besten Fall bloß zum Wegfall einer ganzen Menge von Inhalten, nicht aber zu Verständnis – und ich bin der festen Meinung, dass man als Autor nichts besseres tun kann, als zu verstehen zu versuchen, was genau man da eigentlich treibt.

TropesSonicLover
Mit Tropes spielen – tvtropes.com (Bild von SonicLover)

Anstatt also nie wieder von Dunklen Lords zu schreiben, magische Artefakte zu verbannen und schon bei der Erwähnung von Prophezeiungen die Augen zu verdrehen, sollte man sich genau ansehen, was ein bestimmter Tropos ausmacht und wie man ihn auf neue Art und Weise verwenden könnte. In vielerlei Hinsicht sind Tropen nämlich in erster Linie Ausgangspunkte. Das Bild oben deutet einige mögliche Umgangsweisen mit Tropen an, die sich vom eigentlichen Startpunkt wegbewegen. Einerseits kann ein Tropos im ursprünglichen Sinne verwendet werden, etwa wenn der Drache die Jungfrau raubt und in einen Turm sperrt, bis schließlich ein mutiger Ritter die Bestie erschlägt und die Jungfrau befreit. Bei Tropen, die noch nicht ins Klischee abgedriftet sind, gibt es per se keinen Grund, nicht genau das zu tun. Oder aber, der Drache hat die Jungfer zwar geraubt, aber schon schnell stellte sich heraus, dass sie ihm viel zu viel Ärger bereitet. Er versucht also, sie an fahrende Ritter loszuwerden, nur traut sich keiner von ihnen in die Nähe des Turms, hat doch der Drache den Ruf einer unbezwingbaren Bestie. Tropos ist und bleibt derselbe, die Geschichte aber wird zwangsläufig eine völlig andere. Anstatt den Tropos gemäß Packungsbeilage zu verwenden, könnte man ihn aber auch als Hintergrund verwenden: Statt von dramatischen Kämpfen und heroischen Rittern zu erzählen, könnte man in einer Geschichte die Motivationen der Charaktere – etwa des Ritters – erforschen und seine innere Geschichte zum roten Faden der Handlung machen. Tropos bleibt, Geschichte ist eine völlig andere.

Auf diese Weise kann ein Autor sich auch die Erwartungen seiner Leser zunutzen machen, indem er Bekanntes wie die sprichwörtliche Karotte vor ihrer Nase hängen lässt, nur um sie in unbekannte Gefilde zu führen. Aktuell am bekanntesten für diese Art des Erzählens ist sicherlich George R.R. Martin, aber er ist weder der einzige, noch der erste Autor, der im großen Stil mit Tropen spielt um aus bekannten Elementen neue Geschichten zu stricken. Andrzej Sapkowskis Reihe um den Hexer Geralt etwa dekonstruiert regelmäßig Märchen mit humorvollen oder dramatischen Konsequenzen.

waylander
Ah, Fantasy – Wo schon die Cover spoilern (Del Rey)

David Gemmells Waylander etwa erzählt eine Geschichte über die Suche nach einem einer bronzenen Rüstung, die eine Wende in einem lange andauernden Krieg bringen soll, nicht als Weltenretter-Epos, sondern als eng gesteckte Geschichte über die inneren Antriebe und die Entwicklung des namensgebenden Charakters. Die Rüstung selbst nimmt dabei die Rolle eines magischen Artefakts ein, ohne jemals in den Mittelpunt zu rücken – oder auch nur wirklich magisch zu sein. Die Trope „magisches Artefakt“ wird nicht unbedacht verwendet, sondern als Werkzeug eingesetzt um eine ganz andere Art von Geschichte zu erzählen. Ähnliches macht Joe Abercrombie in seiner Reihe The First Law, in der die Suche nach einem magischen, nahezu göttlichen Plot-Coupon ein Ende nimmt, dass die gesamte Trope auf den Kopf stellt. Nicht nur das: Der zentrale Konflikt mag am Ende abgewendet worden sein, aber die Welt ist längst kein besserer Ort, die Heldenreisen haben die Protagonisten nicht gerade zu Helden gemacht und es ließe sich durchaus argumentieren, dass sie erst geholfen haben, einen Dunklen Lord an die Macht zu bringen. In beiden Fällen haben die Autoren ein Werkzeug hinterfragt und bewusst eingesetzt um mit Erwartungen zu spielen.

Natürlich – und die Wiederholung möge mir vergeben werden – kann all das nur geschehen, wenn man einen solchen Tropos bewusst einsetzt, wenn man erkennt, dass der bekannte Weg nicht der einzige ist. Das wiederum funktioniert nur, wenn man sich nicht pauschal den Ideen gegenüber sperrt, die Tropen transportieren können. Betrachtet man alles, was schon einmal da war als Klischee, verstaut man große Teile seines Werkzeugkastens in einer dunklen Ecke und steht irgendwann dumm da, wenn man einen Nagel vor sich hat, aber nur einen Schraubenzieher zur Hand.

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4 Gedanken zu “Ab in die Tropen: Fantasy & Klischee

  1. Schon lange wollte ich mir mal den Ausflug in die Tropen zu Gemüte führen. Vielleicht auch deshalb, weil ich mich auch schon mit dem Thema Klischee auseinander gesetzt habe. Es ist interessant zu sehen, wie unterschiedlich wir da herangegangen sind. Schlussendlich glaube ich aber, dass wir zum selben Ergebnis gekommen sind: Klischee kann Werkzeug sein und ein Übel mit dem man arbeiten kann. 🙂
    Es ist wie beim Kochen: Benutzt man mal ein anderes Gewürz, schmeckt der althergebrachte Eintopf schon ganz anders.

    LG Sophie

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