Ich bevorzuge Fantasy als Genre, weil ich freier schreiben kann und nicht immer alles auf Wahrheitsgehalt prüfen muss.

Der Strohmann – Sokrates

Von Gegnern, aber auch von Anhängern des Genres, wird nicht selten das Argument in den Ring geworfen, eine elementare Eigenschaft von Fantasy sei es, sich von den Zwängen und Regeln der echten Welt vollkommen lösen zu können und der namensgebenden Phantasie freien Lauf zu lassen. Zum Teil (und es ist kein kleiner) mag das sicherlich zutreffen: Fantasy erlaubt es Lesern und Verfassern, sich in völlig neue Kontexte zu versetzen, völlig neue Welten und Völker zu erforschen und Geschichten zu erzählen, die ihrer eigenen Logik folgen können. Mittelerde ist nicht unsere Welt. Westeros ist nicht unsere Welt. Selbst Harry Potters Hogwarts ist nicht unsere Welt, nicht einmal in Handlungssträngen, die auf Muggel-Territorium stattfinden.

Natürlich ließen sich ähnliche Behauptungen auch für Krimis, Psychothriller oder Liebesgeschichten aufstellen, wenngleich es hier weniger offensichtlich erscheinen mag, dass der Autor uns eine, auf die Handlung zugeschnittene Parallelwelt präsentiert. Im Kern ist das Eigenschaft jeder Geschichte, die nicht absoluter Tatsachenbericht ist (und es ließe sich durchaus fragen, ob so etwas überhaupt möglich ist). Worauf ich aber hinaus möchte, ist die Vorstellung von Recherche im Fantasygenre.

Nicht selten scheint hier die Idee vorzuherrschen, dass Recherche eine der weiteren Fesseln der realen Welt ist, von der man sich in der Fantasy lösen kann. Auf den ersten Blick ist das einleuchtend, schließlich hat man es im Extremfall mit völlig fremden Welten zu tun, was eine befreiende Wirkung auf die eigene Kreativität haben kann. Recherche und Realismus müssen Geschichten aber nicht beschneiden, sie können sie geradezu beleben. Über die Rolle von Realismus in Fantasy möchte ich bei anderer Gelegenheit mal schreiben, an dieser Stelle sei gesagt: Fiktion ohne realistisches – oder glaubwürdiges – Fundament kann schnell an interner Legitimation verlieren. In einem Setting in dem alles möglich ist, tritt automatisch die Hand des Autoren in den Vordergrund, denn wo eine Welt nicht mehr als in sich schlüssig erkenntlich ist, wird dem Leser schnell klar, dass nur geschieht, was vom Verfasser gewollt ist. Das kann Spannung und Eintauchen erschweren, gar unmöglich machen.

Im Zeitalter des Internet hat zudem eigentlich niemand eine Ausrede mehr für mangelnde Recherche. Wo Autoren noch vor zwanzig Jahren in die nächste (Uni-)Bibliothek fahren mussten, sind heute selbst Wissen über Landwirtschaftspraktiken des Frühmittelalters oder Kleidungsgewohnheiten im viktorianischen England nur ein paar Klicks entfernt.

Recherche kann zudem inspirierend wirken. Kreativität und Einschränkungen werden nicht selten als Gegenspieler dargestellt. Der Künstler kann sein Meisterwerk nur frei von den Zwängen der Welt schaffen. Es ist das Bild von der Hütte am See, Schreibmaschine am offenen Fenster, vom magischen Ort vollkommener Inspiration und Ungestörtheit – die Idee vom freien kreativen Geist. Dabei können Einschränkungen eine Handlung enorm beleben. Wenn ich in der Recherche auf Elemente stoße, die meinen Plan von der Geschichte ins Wanken bringen, habe ich die Wahl, sie zu ignorieren – was durchaus legitim sein kann – oder mit diesen Einschränkungen zu arbeiten und neue Wege einzuschlagen, an die ich zuvor nicht einmal gedacht habe. Ich überrasche mich selbst und den Leser wahrscheinlich gleich mit. Die Charaktere müssen mit einen Mal selber kreativ und cleverer werden als zuvor oder schwierigere Entscheidungen treffen.

Ich finde mich selbst momentan in einer solchen Situation wieder. Immer wieder reizt es mich, einen Schritt aus der Fantasy heraus zu machen. Meist lande ich dann bei Science Fiction. Aktuell geht mir eine Idee im Kopf herum, die im All spielt, weit entfernt von der Erde, mit einem Cast, der zumindest zum Teil aus fremdartigen Aliens und einer künstlichen Intelligenz besteht. Ich würde nicht einmal behaupten wollen, es handle sich um besonders harte Science Fiction. Die Geschichte ist im Kern und in den Ausschmückungen fest im Space-Opera-Subgenre verwurzelt. Trotzdem habe ich über die vergangenen Tage mehrere Texte über Orbitalphysik gelesen, weil es ein zentrales Element der Handlung ist. Natürlich hätte ich die Option, einfach mit den Schultern zu zucken und munter von „Gravitationsfeldern“ des Planeten zu schreiben oder Charaktere panisch ausrufen zu lassen: „Oh nein, der Planet zieht uns in sein Gravitationsfeld!“. Aber je mehr ich mich in die Recherche vertiefte, desto klarer wurde, dass sich mit halbwegs akkurater Physik eine interessantere Geschichte erzählen ließe – womit ich nicht behaupten will, dass auch nur ein Zehntel meiner Recherche ihren Weg in die Handlung finden wird. Ich will ja kein Essay schreiben (und wäre auch völlig unqualifiziert dafür), aber ich kann versuchen, der Geschichte einen Anstrich von Realismus zu verpassen. Das hat zwei hauptsächliche Effekte: Es kann das Setting vertiefen und quasi per Ansteckung anderen Elementen der Handlung mehr Glaubwürdigkeit verleihen. Außerdem zwingt mich die Einschränkung durch „Realismus“, kreative Entscheidungen zu treffen, über die ich mir keine Gedanken gemacht hätte, wenn ich einfach drauf los geschrieben hätte.

Möglicherweise ist die Notwendigkeit für Recherche für Science Fiction klarer ersichtlich, schließlich handelt es sich hier oft um Ideen der Gegenwart, die in eine mehr oder minder weit entfernte Zukunft projiziert werden, seltener in die Parallelwelten, die die Fantasy beherrschen. Der Kern der Idee ist jedoch derselbe: Recherche kann einerseits einen glaubwürdigeren Anstrich verleihen. Andererseits verhindert sie auch schlicht, dass man vermeidbare Fehler begeht. Wer über Fantasykriege schreibt, sollte zumindest eine ungefähre Ahnung haben, wie mittelalterliche Kriegsführung funktionierte. Für bodenständigere Fantasy ist das unerlässlich, ansonsten geht schnell jeder Anspruch auf Galubwürdigkeit flöten, wenn Heere mit Hollywood-Taktiken aufeinander zustürmen. Aber selbst wenn man über Welten schreibt, in denen Magier, Drachen und/oder Dämonen Teil der Kriegsführung sind, kann etwas Recherche in diese Richtung nicht schaden. Wenn ich als Autor weiß, wie ein mittelalterliches Heer in einer bestimmten Situation gekämpft hätte, habe ich einen Absprungpunkt, von dem aus ich mich fragen kann, wie die Taktiken sich verändert hätten, wären magische Kreaturen ins Spiel gekommen. Denn die grundlegenden Ideen von Kriegsführung ändern sich nicht, nur weil sich statt Bogenschützen und Pikenieren Orks und Monsterfledermäuse gegenüberstehen. Truppen müssen immer noch versorgt werden, Nachschub herangekarrt, Feinde flankiert und Späher ausgeschickt werden. Und wenn es für all das magische Lösungen gibt, bedeutet das nicht, dass auf einen Schlag auf etablierte Taktiken verzichtet werden kann, sondern bloß, dass diese Taktiken sich verändern und an die Situation anpassen werden. Ein wichtiger Teil der Kriegsführung könnte dann etwa darin bestehen, die magischen Versorger gezielt auszuschalten – genau wie man echte Versorgungszüge angreifen würde um dem Feind zu schaden. Ich bin der festen Überzeugung, dass man auch eine realistische Schlacht schreiben kann, in der Truppenbewegungen eine Rolle spielen und die besser taktierende Armee gewinnt, selbst wenn diese Armee aus den Geistern der Toten besteht, die von einer teufelsbesessenen, drachenreitenden Ratte mit der Magie gefallener Götter geführt wird. (Fantasyschlachten wären ein interessantes Thema für die Zukunft.)

Eine handvoll Richtlinien, an die ich mich für Recherche zu halten versuche:

  • Wenn du über etwas schreibst, dass in der Realität wurzelt, lies nach, wie es in der Realität funktioniert
  • Recherche hilft, nicht wie ein Idiot dazustehen, wenn man über Themen schreibt, mit denen sich irgendein Leser notwendigerweise auskennen wird; Medizin wäre so ein Thema
  • Recherche dient der Handlung, die Geschichte ist kein Ort um mit neu erlangtem Wissen anzugeben
  • zum vorangegangenen Punkt: Ein Großteil der Recherche wird nie (offensichtlich) in der Geschichte auftauchen; man kann zuviel über recherchiertes Wissen schreiben, aber nie genug Recherche betreiben
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Ein Gedanke zu “Zwischendurch: Recherche

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