Hillary Mantels erster Roman über das Leben und Wirken Thomas Cromwells und die Intrigen am Hofe Henry VIII. ist nicht nur der Handlung wegen faszinierend – auch Mantels Stil packt und lässt nicht los.

(Anmerkung: Ursprünglich war dieser Artikel mal als Review betitelt. Unter der Lupe ist die neue Kategorie für derartige Artikel. Mehr dazu weiter unten.)

Ich habe lange überlegt ob und wie ich Rezensionen handhaben möchte, schließlich herrscht an Burchreviews kein Mangel im Internet. Statt also zuviel Zeit auf Sternebewertungen zu verwenden oder Kauftipps von mir zu geben, möchte ich mir stattdessen immer mal wieder ein paar Bücher ansehen, die etwas anders machen, etwas Interessantes mit ihrem Medium oder ihrem Thema anfangen. Hillary Mantel ist daher der perfekte Einstieg. Warum? Mehr nach der Werbung.

Wer ein wenig in Schreibforen unterwegs ist, den einen oder anderen Blick in einen Schreibratgeber geworfen oder an Kursen für kreatives Schreiben teilgenommen hat, kennt die langen Listen all der ehernen Regeln des Schreibens: Keine Zeitsprünge, Klarheit bei Pronomen und Ausdruck, nicht zu viele Namen und schon gar keine zu ähnlichen. Gerade als junger Schreiberling, der genau weiß, was er schreiben will und was nicht, welche Ideen die Welt in Brand setzen und welche öder sind als die trockenste Wüste, ist man versucht, Rebellion gegen all diese Regeln anzustacheln. Wie soll etwas neues entstehen, wenn man sich an die vermeintlichen Weisheiten der Altvorderen hält? Nein, Kreativität ist doch immer irgendwo Widerstand, Auseinandersetzung.

Erst nach und nach destilliert man aus Feedback und Kritik dann heraus, dass diese Regeln alle ihre guten Gründe haben. So wenig, wie man in der ersten Fahrstunde auf die Autobahn fährt oder sich als Musikschüler direkt an Jimi Hendrix versucht, sollte man sich als Schreibanfänger vom ersten Wort an von allen Konventionen und Stützrädern lossagen. Aber – frei nach Stephen King und vielen anderen – um die Regeln zu brechen (und nicht mit unleserlichem Chaos darzustehen), muss man sie erst einmal kennen.

Felled, dazed, silent, he has fallen; knocked full length on the cobbles of the yard. His head turns sideways; his eyes are turned towards the gate, as if someone might arrive to help him out. One blow, properly placed, could kill him now.

Wolf Hall, I Across the Narrow Sea

Hillary Mantel kennt die Regeln, möchte ich vermuten, denn direkt von der ersten Seite an bricht sie sie derart kreativ, dass es mich sofort in den Bann zog. Eigentlich sollte Wolf Hall (deutscher Titel: Wölfe) und der Nachfolgeband Bring Up the Bodies (Falken) nicht funktionieren. Auch nach zwei Büchern kann ich immer noch nicht ganz sagen, warum es dennoch funktioniert. Schon die ersten Sätze packen: beinahe bewusstseinsstrom-artig finden wir uns im Kopf des jungen Thomas Cromwell wieder, der im Schlamm auf dem Hof vor der Schmiede seines Vaters liegt. Von da an nimmt seine Leben viele Umwege, die meisten davon führen bergauf: Zu einem besseren Leben, aber stets unter Anstrengungen. Cromwell zieht jenseits des Kanals in den Kriegen Europas als Soldat ins Feld, erlernt das Bankgeschäft in Italien, knüpft Verbindungen mit holländischen Tuchmachern. Von seinem Vater als nutzloser Herumtreiber beschimpft, erkennt er, dass er stattdessen eine Reihe von Talenten und Qualitäten besitzt, unter denen sein Intellekt vermutlich sein größtes Kapital ausmacht – unerwarteterweise, wie viele feststellen müssen, die nur sein vierschrötiges Äußeres sehen.

Über seine Vergangenheit erfahren wir wenig auf direkte Weise. Stattdessen eröffnet Mantel uns immer wieder kurze Blicke auf seinen Werdegang, wenn Cromwells Gedanken selbst dorthin zurück wandern, als er längst schon in den Diensten Kardinal Wolseys steht. Dort erhält er seinen ersten Einblick in die Welt englischer Politik, die ihn schließlich als treuen Berater an die Seite Henry VIII. selbst führt und ins Herz einer Vielzahl an Intrigen um Macht, Einfluss und Geld. Cromwell selbst ist dabei ein vielschichtiger Charakter, der nicht vor Drohungen oder vor der Zerstörung von Existenzen zurückschreckt. Gleichzeitig ist er treu gegenüber jenen, die ihm gegenüber Treue zeigen und arbeitet auf das Wohlergehen seiner Familie hin. Mantel schafft diesen Balanceakt hervorragend, ohne dabei den Fehler zu machen, seine negativen Seiten zugunsten von Sympathie für ihren Protagonisten abzuschwächen. Wenn ein Gegenspieler von Cromwell als Schuft, als Bully spricht, ist das meist noch eine Untertreibung.

Gerade dieses Wechselspiel macht Cromwell als Charakter unglaublich interessant. Wir erleben die Handlung stets aus seiner Perspektive und die all der anderen Cromwells, die er im Laufe seines Lebens war. Unter der Fassade des gewieften Politikers findet sich ein liebender Familienvater, unter der Fassade des Familienvaters jemand, der alte Schuld nicht vergisst, unter dieser wiederum ein intelligenter, unkonventioneller Geist – und schließlich unter allem befindet sich wieder der gewiefte Politiker und der Kreis beginnt von neuem.

At Canterbury [he] lies cold on a slab; coins of the realm are laid on his eyelids, as if to seal into his brain for eternity the image of his king.

Wolf Hall, II ‚Alas, What Shall I Do For Love?‘

Inmitten der Intrigen fasziniert Wolf Hall mit einem ungewöhnlichen, etwas gewöhnungsbedürftigen, aber trotz all der Regelbrüche stets flüssigen Stil, der uns schneller als uns lieb sein mag wie Cromwell denken lässt. Bei all den Machenschaften Cromwells kommt zudem der Humor nie zu kurz, der sich nicht selten daraus ergibt, dass der Leser – als geisterhafter Vertrauter Cromwells – meist ein wenig mehr über einen Nebencharakter weiß, als dieser über sich selbst.

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Henry VIII. im Portrait von Hans Holbein (1536-37)

An Cromwells Seite stellt Wolf Hall einen ausufernden Cast mehr oder weniger historisch verbürgter Persönlichkeiten, von denen Henry, seine Frau Katharine und seine zukünftige Geliebte Anne Boleyn, zentrale Rollen einnehmen, zwischen denen Cromwell manövrieren muss. Boleyn besonders erweist sich als scharfzüngig und ambitioniert, während sie sich zugleich nicht für bissige Kommentare über den Hofstaat zu schade ist.

Mit ihrer Konzentration auf Cromwells Perspektive entgeht Mantel dabei der Gefahr vieler historischer Romane, einfach nur bekannte Ereignisse nachzuerzählen. Daher möchte ich Wolf Hall am liebsten nicht erst einen historischen Roman nennen, denn im Grunde stehen die historischen Ereignisse gar nicht so sehr im Vordergrund. Stattdessen führt uns das Buch durch das Leben und den Kopf Cromwells, begeistert mit cleveren Charakteren und cleveren Dialogen und einem der intelligentesten Protagonisten, von dem ich je gelesen habe. Dazwischen mag bei manchem Schreiberling jener gute, alte Neid auf diese eine, perfekte Formulierung aufkeimen, wenn Mantel es wieder einmal gelingt, etwas derart natürlich und clever zu beschreiben, dass man sich fragen muss, wieso man selbst nicht drauf gekommen ist. Trotz der erzählerischen Nähe zu Cromwells Innerstem schafft Mantel es dabei immer wieder, uns zu überraschen, etwa wenn Cromwells geduldiges Spiel endlich sein Ziel erreicht und er Rache für eine alte Demütigung nehmen kann.

Obwohl ich Wolf Hall nur im englischen Original gelesen habe, kann ich die deutsche Übersetzung empfehlen, die in den wenigen Leseproben einen mehr als soliden Eindruck erweckt. Wer kann, sollte sich trotzdem an der englischen Version versuchen, da die Sprache Mantels Stil oft besser gewachsen ist.

Titel: Wolf Hall

Autor/in: Hillary Mantel

Seitenzahl: 650 Seiten (engl. Ausgabe)

Verlag: Fourth Estate

Genre: Historischer Roman

Sprache: Englisch

ISBN-10: 0007351453

ISBN-13: 978-0007351459

Ein paar Abschlussfragen: Könnt ihr etwas mit so einem Format anfangen? Oder wäre euch die klassische Rezension lieber? Ich überlege auch, gar nicht erst von Review oder Rezension zu sprechen und das ganze Format stattdessen „Unter der Lupe“ zu nennen. Was ist eure Meinung?

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6 Gedanken zu “Unter der Lupe: Hillary Mantel – Wolf Hall

  1. Hallihallohallöle,

    die Idee „Unter der Lupe“ gefällt mir, diese andere Art der Betrachtung übrigens auch! Ob das nun die breite Masse ebenso sieht, entzieht sich natürlich meiner Kenntnis, schwimme ich doch noch dazu oft gegen den Strom. Von Sternevergabe sehe ich ebenfalls ab. Mitunter sind die Sterne nur eine Momentaufnahme und haben sich in einem Jahr schon wieder relativiert, weil ich viele neue Leseeindrücke gewonnen habe und das einst gelobte Buch eventuell in anderem Licht sehe. An deiner Art, das Gelesene einzuschätzen, merkt man die aufmerksame Auseinandersetzung mit dem Werk. Dieser Punkt lässt bei manch herrkömmlicher Rezension anderer Leser oft zu wünschen übrig. Also meinethalben: Weiter so! :o)

    Liebe Grüße,
    Patricia

    Gefällt 1 Person

  2. Hallihallo,
    schön, dass es dir gefallen hat. Auf die Gefahr hin, etwas hipsterig zu klingen: Keine Ahnung ob ich an der breiten Masse sonderlich interessiert bin. Aktuell wird meinem Blog nicht gerade die Tür eingetreten, was sicherlich auch mit der Länger der Hauptartikel zusammenhängt. Aber ich mache das hier zumindest zu einem Teil für mich, während ich gleichzeitig darauf hoffe, dass der eine oder andere vielleicht interessant finden könnte, was ich so hier von mir gebe. Hautpsächlich schreibe ich über die Dinge, die mich begeistern und faszinieren, wenn es um Kreativität und Unterhaltung geht.

    Zum Sternesystem: Was mich so daran stört, ist, dass es nur den Anschein von Vergleichbarkeit schafft. Vier von fünf Sternen können vollkommen unterschiedliche Dinge für unterschiedliche Bücher bedeuten – deshalb gefällt mir die Bezeichnung als „Momentaufnahmen“ sehr gut. In einem ausführlicheren Text kann ich eher darlegen, was ich an einem Buch (o.ä.) gut oder schlecht finde, dann auch im Vergleich mit anderen Werken.

    Liebe Grüße,
    pw

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  3. Ich kam gerade über die Montagsfrage zu Dir und bin gleich dem Link zu diesem Buch gefolgt, da es mit zu den ersten gehörte, die ich auf meinem Blog besprochen habe, wenn auch nicht ganz so ausführlich wie Du.

    Was das Format angeht, finde ich es super! Ich mag es, auch mal längere Buchbesprechungen zu lesen, die von Schema F. abweichen, und ich finde es auch super, dass ich nicht die Einzige bin, die kein Cover gepostet hat :-). Ich finde diese Art der Rezension sehr ansprechend, weiche ja auch selbst vom Muster „Klappentext – Inhalt – Fazit“ ab, das man oft findet. Womit ich nicht sagen möchte, dass dieses Muster schlecht ist, es bietet einen guten Überblick, aber ich finde es immer sympathisch, wenn ich Blogger finde, die anders herangehen.

    Gefällt 1 Person

    1. Dann bin ich ja beruhigt, dass das Format gut ankommt. Ich habe für die Zukunft noch ein paar vorausgeplant, eines davon definitiv eine ganze Ecke länger – werde es wohl auf zwei Teile aufteilen müssen.

      Buchempfehlungen gibt es ja genug, deshalb möchte ich mir einfach („einfach“) ein paar Werke herausgreifen, die mir gut gefallen haben und schauen, was sie anderes oder interessantes mit ihrem Medium anstellen.

      MfG,
      pw

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