Mancher mag sagen, das Genre Fantasy wäre im Begriff erwachsen zu werden. Von Das Lied von Eis und Feuer über Joe Abercrombies Werke, zu Mark Lawrences Thorns-Trilogie sind in den letzten Jahren Bücher ins Rampenlicht gerückt, die das Image von tolkienesker (und pseudo-tolkienesker) moralischer Unkompliziertheit abwerfen. Gut und Böse fallen nicht mehr auf entgegengesetzte Seiten einer klar abgesteckten, unüberwindbaren Grenzlinie, sondern mischen sich im Zwielicht in verschiedenen Grautönen.

Ob dieser Ruck hin zu mehr Realismus tatsächlich eine Neuerscheinung ist, ließe sich diskutieren. Er findet sich schließlich schon in Guy Gavriel Kays Büchern, in Moorcocks Melnibone-Saga um Elric, in Zelazny und teilweise sogar in tolkieneskeren Autoren wie Raymond E. Feist. Er bringt aber auch Themen mit sich, über die zuvor vielleicht nur zögerlich oder gar nicht geschrieben wurde, als Fantasy-Kriege noch heroische Angelegenheiten hatten: Gewalt ist grafischer, Moralitäten vager, Missbrauch und Vergewaltigungen fallen nicht mehr aus dem Fokus der Erzählung heraus. Hinter den Handlungen stecken oft essentiell menschliche Themen, wie die Fragen nach Geschlechterrollen. Macht, Schuld, Glauben und Dogma.

Realistische Fantasy kann manche dieser Elemente nur schwerlich außen vor lassen, ohne naiv zu wirken, möchte man meinen. Das Problem hierbei ist eines, das nicht sofort ins Auge fallen mag: Derartige Themen zu verwenden, ist dann verwerflich, wenn sie als reine Schockeffekte eingesetzt wird. So gerne ich Mark Lawrences Prince of Thorns gelesen habe, verstehe ich jeden Leser, der das Buch nach den ersten Seiten beiseite gelegt hat, beginnt es doch direkt nach einem brutalen Überfall und einer Vergewaltigung. Problematisch ist das, weil uns ein Kontext für das Ereignis fehlt: es ist der erste Eindruck, den wir von unserem Protagonisten erhalten. Ein schreckliches Ereignis für andere wird also zur Charakterisierung  des Hauptcharakters herangezogen , hat darüber hinaus aber keine Auswirkungen.

Anders in Das Lied von Eis und Feuer, in dem der Krieg in all seinen düsteren Seiten gezeigt wird und die Konsequenzen für das einfache Volk nicht ausgesparrt werden. Der Unterton ist dabei stets ablehnend und weder glorifizierend, noch abmildernd. Uns wird gezeigt, wozu Menschen fähig sind, welche Konsequenzen das Handeln von Parteien oder Einzelpersonen haben kann – ob nun beabsichtigt oder nicht.

Anders auch bei Abercrombie, dessen Protagonisten oft nur dadurch von den Antagonisten zu unterscheiden sind, weil sie Perspektivträger sind.

Nun aber zu Überschrift: Autoren schreiben oft nicht nur zur Unterhaltung. Sie können Themen wählen, die uns zum Nachdenken bringen und das selbst mit schrecklichen Dingen, wenn es gelingt, den Moment der Abscheu zu überwinden. Wichtige Themen können – und sollten – dabei in jedem Genre angegangen werden. Ein Autor schreibt stets über die Welt in der er lebt, ob seine Bücher nun in Hamburg oder Fantasyland spielen. Für viele mag Schreiben ein Mittel sein, jene Fragen anzugehen, auf die wir selbst keine Antworten finden und sie auf diese Weise einer Mehrheit zu präsentieren. Die Kunst hat seit jeher den impliziten Auftrag, genau dies zu tun. Sie ist durchsetzt mit all jenen Dingen, die uns in der Welt widerfahren. Zu versuchen, dies aus einem Werk künstlich fernzuhalten, ist dabei nicht immer ehrlich.

Wenden wir uns aber in unserem Schreiben diesen Themen zu, bringt das eine implizite Pflicht mit sich: Die, uns ernsthaft mit den Dingen zu beschäftigen, über die wir schreiben und nicht auf die leichte Schulter zu nehmen, was für uns vielleicht im ersten Moment nur ein Plotpunkt sein mag, für jemand anderen aber womöglich Teil von Erfahrung oder Realität. Wenn wir über die Unterdrücken von Teilen der Bevölkerung schreiben, dann haben wir die Pflicht zu Recherche und Ehrlichkeit. Wenn wir über Gewalt schreiben, dann haben wir die Pflicht, ihre Konsequenzen zu zeigen und sie nicht zu glorifizieren (Was nicht das selbe ist, wie sie herunterzuspielen!).

Der heutige Text ist noch vager und wirrer als gewohnt, fürchte ich. Grund dafür ist, dass ich mich aktuell mit einer Idee für eine Geschichte herumschlage, die in problematischem Milieu spielt und sich neben anderen Themen zwangsweise auch mit Unterdrückung und Misshandlung auseinandersetzen wird. Einerseits zögere ich sehr stark, solche Themen anzugehen, da ich nicht weiß, inwiefern ich ihrer Tragweite gerecht werden kann. Andererseits wäre es thematisch unehrlich, diese Elemente vollkommen außen vor zu lassen. Der Balanceakt, der mir da bevor steht, ängstigt mich geradezu und hemmt ein wenig meine Motivation.

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3 Gedanken zu “Zwischendurch: Von der Pflicht, über unangenehme Dinge schreiben zu müssen.

  1. Ich verstehe deinen Zwiespalt, auch wenn ich mich nicht in dich als Schreiber einfühlen kann. Jedoch kenne ich meine Position als Leser. Viel mehr frustriert es mich, wenn der Autor solche kritischen Themen außer Acht lässt oder nur kurz anschneidet, anstatt sich mit ihnen zu beschäftigen. Es sitzt die Dinge in die richtige Perspektive. Nur Mut zum Hässlichen.

    Gefällt 1 Person

    1. Eine meiner liebsten Anekdoten zu dem Thema ist ein Amazon-Kommentar zu „Das Lied von Eis und Feuer“, dessen Verfasserin sich darüber beschwert, dass brutaler Mord, Vergewaltigungen etc. in der Geschichte vorkommen, nicht aber, dass ein Krieg zentrales Element des Plots ist. Die Implikation ist (zumindest sehe ich das so), Krieg könne von den o.g. Elementen getrennt werden.

      Oder anders: Ich denke nicht, dass es Verherrlichung ist, über derartige Dinge in brutalem Detail zu schreiben, sondern eher, diese Elemente auszulassen, weil sie Befindlichkeiten stören könnten.

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