Am Montag hatte ich es angekündigt: Heute gebe ich meinen Senf zum Thema Erzählperspektive.

Eine der ersten Entscheidungen, die ein Autor bei einem neuen Text trifft, ist in der Regel die über die Erzählperspektive. Das muss dabei nicht unbedingt bewusst geschehen. Nicht selten hat die erste Idee oder der Satz, der uns keine Ruhe lässt, bis wir ihn aufs Papier bannen, bereits eine eigene Stimme. Ein Text, der in der ersten Person erzählt wird, klingt schon im Kopf anders als einer, der einen personalen Erzähler haben wird. Ich persönlich habe noch nicht oft erlebt, dass ich im Laufe das Gefühl bekomme, eine andere Erzählperspektive könne für den vorliegenden Text besser funktionieren.

Die gewählte Perspektive hat dabei großen Einfluss darüber, wie dem Leser Informationen vermittelt werden können (oder müssen). Gerade dieses Element ist ein Grund, warum ich mit dem allwissenden Erzähler nur wenig anfangen kann.

Natürlich hat jede stilistische Entscheidung ihre Berechtigung. Wer weiß was er tut und warum er es tut, kann mit einem allwissenden Erzähler Wunder wirken. Meiner Meinung nach eignet sich diese Erzählperspektive allerdings nicht für die Art von Geschichten, die mich stets am meisten begeistert haben: Geschichten, in denen es nicht bloß darum geht, was als nächstes passiert, sondern in denen Mysterien die Charaktere wie den Leser auf Trab halten, die sich für das Warum eines Ereignisses oder Konflikts interessieren, nicht bloß dafür, was geschieht.

Eine Geschichte, die einen personalen Erzähler verwendet, kann dem Leser nur das Wissen präsentieren, über auch dieser Charakter auch verfügt. Im besten Falle kann er Vermutungen über Ereignisse anstellen, deren Gültigkeit er aber nicht anhand einer Form objektiven Wissens überprüfen kann. Kennt dieser Charakter die Identität des Mörders nicht, kennt sie auch der Leser nicht. Das Mysterium ist damit nicht nur Teil der Geschichte, sondern organische Folge der Perspektive.

Mysterien und Rätsel funktionieren in allwissender Perspektive weniger gut – ich würde sogar sagen: überhaupt nicht. Das hängt mit der willentlichen Aussetzung der Ungläubigkeit zusammen. In der Regel ist sich ein Leser (oder ein Konsument eines anderen Mediums) sich in gewissem Maße immer bewusst, dass das, was er konsumiert nicht real ist. Die Aufgabe eines Autoren ist natürlich, ihn von der Künstlichkeit des Textes abzulenken. Die gewählte Perspektive eines Texts hat darauf massiven Einfluss.

Ein personaler Erzähler kann kaschieren, dass der Autor dem Leser Informationen vorenthält um Spannung zu erzeugen. Geschieht dasselbe bei einem allwissenden Erzähler, tritt aber die Hand des Autoren – und damit die Künstlichkeit des Textes – in den Vordergrund. Denn wenn die Erzählstimme, die uns zuvor von Kopf zu Kopf hat springen lassen und uns allerhand Wissen präsentierte, das den Charakteren der Geschichte unbekannt ist, über einen bestimmten Sachverhalt schweigt, der für den Leser ein Mysterium der Handlung lösen könnte, dann ist diese Mysterium nicht mehr organischer Teil der Geschichte, sondern künstlich der Geschichte zugeführt.

Besser kann das funktionieren, wenn der allwissende Erzähler nicht allzu deutlich macht, dass es überhaupt ein Mysterium gibt und etwa am Ende der Handlung ein Detail präsentiert, das den vorangegangenen Text in neues Licht rückt. Allerdings führt sowas bei mir nicht selten dazu, dass ich mich vom Text (und seinem Verfasser) auf den Arm genommen fühle. Rückwirkend kann das einer Geschichte schaden.

Ein Mittel, all dem entgegenzuwirken, besteht in der Verwendung eines unzuverlässigen Erzählers, der zudem Teil der Welt ist, in der die Handlung spielt oder Teil der Handlung selbst. Indem er damit quasi zusätzlich zur Erzählerrolle auch noch Charakter wird (ob er nun an der Handlung beteiligt ist oder sie nur als Beistehender kommentiert), kann er über das selbe Kapital wie alle anderen Charaktere verfügen: Motivation und Agenda. Hat er ein Interesse daran, dem Leser eine Schlüsselinformation vorzuenthalten? Will er sich oder die Seinen in besseres Licht rücken oder genau das Gegenteil bewirken? Alles gute Gründe, sparsam mit Informationen und der Wahrheit umzugehen.

Ist eine Geschichte beispielsweise im Stil einer historischen Abhandlung gehalten, kann der Erzähler für sich objektives und vollständiges Wissen über ein Ereignis für sich beanspruchen, wodurch er innerhalb des Textes einen Typus des allwissenden Erzählers darstellt. Da er als Historiker aber nicht über Phantasiewelten schreibt, sondern über Ereignisse, die sich in seiner Welt tatsächlich zugetragen haben, ist er als quasi unsichtbarer Charakter der Handlung allerdings nicht objektiv. Womöglich verdreht er die Wahrheit mit bestimmen Absichten. Ein Gelehrter Gondors etwa, der die Ereignisse des Ringkrieges hundert Jahre später rekonstruiert, beabsichtigt damit etwas anderes, als es Saurons persönlicher Sekretär täte.

Was ist eure Meinung zu dem Thema? Achtet ihr beim Schreiben auf die Perspektive und ihre Implikationen? Habt ihr vielleicht ein Buch, das für euch aufgrund der gewählten Perspektive nicht funktioniert hat? Oder weiß ich gar nicht, wovon ich rede?

Ich überlege, irgendwann einmal ausführlich ein Buch darauf dahingehend unter die Lupe zu nehmen, inwiefern es in seiner gewählten Perspektive erfolgreich Informationen vermittelt. Bestünde daran Interesse? Es liefe vermutlich auf eine zweiwöchige Serie hinaus.

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