Es ist Oktober und die dunkle Jahreszeit rückt unaufhaltsam näher. Die Tage werden kürzer, die Nächte länger und wir wissen ja alle, was in den sich streckenden Schatten lauert; dass nicht jedes Frösteln dem Wetter geschuldet ist; dass wir in der Dunkelheit Opfer unser urzeitlichen Instinkte werden können und in jedem Winkel Böses lauern mag.

Über die nächsten Wochen möchte ich daher einen tieferen Blick auf Horror werfen und ein paar Genrevertreter näher beleuchten (oder be…schatten? Uuuuhuuuh!).

Den Anfang macht dabei ein Thema, das mir sehr an meinem (teerschwarzen, kalten) Herzen liegt: Cosmic Horror. Mit H.P. Lovecraft sind viele sicherlich durch die Cthulhu-Obsession der Popkultur zumindest oberflächlich vertraut. Welche Philosophie aber steckt hinter Lovecrafts Geschichten, woher kommt sie und wie manifestiert sie sich in seinen Werken?

Dem frühen zwanzigsten Jahrhundert mangelt es nicht an Horror. Der Erste Weltkrieg änderte nicht nur die Natur des Krieges, der industrialisierte Allesfresser der europäischen Front ist für viele bis heute Synonym für die Abgründe menschlichen Erfindergeistes und einen unvergleichlichen, beinahe gedankenlosen Verlust von Leben. Der „Krieg um alle Kriege zu beenden“ sollte erst von der Praxis der unterliegenden Ideologie des Nationalsozialismus in den Schatten gestellt werden.

Doch selbst die schlimmsten Ausprägungen dieser Ereignisse sind im Kern zutiefst menschlich und damit in grundlegender Art und Weise nicht im Fokus dessen, was „Cosmic Horror“ ausmacht. Neben der Verwandlung des Konzeptes „Krieg“ brachte das frühe zwanzigste Jahrhundert nämlich noch andere monumentale Veränderungen mit sich: Fortschritte in der Wissenschaft stellten nicht nur das Weltbild vieler auf den Kopf, sie veränderten wie der Mensch die Welt sah. Wie der Mensch sich das Universum bisher erklärt hatte, traf nach der Relativitätstheorie nicht mehr zu oder erwies sich zumindest als eine von Scheuklappen verengte Sichtweise.

Neue Teleskope ermöglichten einen Blick auf einen Nachthimmel, der auf einen Schlag vollkommen fremd wurde. In der Schwärze lauerten neue Welten und neue Galaxien und unsere Milchstraße, in deren ehrfurchtgebietenden Ausmaßen der blaue Planet Erde selbst nur eine kosmische Randnotiz darstellte, war bloß eine von vielen – und nicht einmal eine besonders große. Je weiter wir das Netz menschlicher Neugier auswarfen, desto ernüchterndernder für unser Selbstbild waren seine Ausbeuten: Im kosmischen Gesamtzusammenhang sind wir im besten Fall ein zu vernachlässigender Fleck im Universum, einer von vielen womöglich, im schlechtesten ein evolutionärer Zufall, ein Fehler, den die Zeit schließendlich korrigieren wird.

Selbst diese Unendlichkeit, die wir mittels Technologie, Wissenschaft und Menschenverstand wahrnehmen können, ist jedoch nur ein dünner Film, die Spitze eines Eisbergs über der Gesamtheit des Kosmos, die sich unserem Verständnis entzieht, ja, entziehen muss – laut Cosmic Horror.

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Das Klischee über Lovecraftsche Geschichten – und die Wahrheit in denen seiner Nachahmer – ist der Protagonist, der angesichts der Schrecken, die ihm widerfahren, dem Wahnsinn anheim fällt. Ein Captain Ersatz Cthulhu braucht nur auf die Bühne zu treten, damit alle, die ihn erblicken, den Verstand verlieren. Weil der menschliche Geist schlicht unfähig ist, sich eine gigantische grüne Kreatur mit Tentakelgesicht, Flügeln und zu vielen Augen vorzustellen. Also genau das, was beim Lesen dieses Satzes geschieht. Gern geschehen.

Der Wahnsinn in Lovecrafts Geschichten ist nämlich im Grune anderen Ursprungs. Die Gestalten seiner Großen Alten und der Äußeren Götter sind dabei in vielerlei Hinsicht symbolisch für die Kernidee von Cosmic Horror: Die Begegnung mit einer Erkenntnis, die derartig fremd und gewaltig ist, dass sie alle Annahmen darüber, wer wir als Individuen und Spezies sind, in sich zusammenbrechen lässt. Cosmic Horror deutet auf die Erkenntnisse der Wissenschaft über unsere Position im Universum und fragt: Wie kann zugleich wahr sein, dass das Universum unendlich ist, dass die Sterne unzählbar, die Welten unermesslich zahlreich sind, und gleichzeitig der Mensch im großen Zusammenhang von Bedeutung? Und die Antwort lautet: Es kann nicht sein. Dort draußen herrschen Kräfte, die wir kaum verstehen können, Prozesse wirken, in denen die gesamte Existenzspanne der Menschheit nicht die Dauer eines Blinzelns einnimmt.

„The human race will disappear. Other races will appear and disappear in turn. The sky will become icy and void, pierced by the feeble light of half-dead stars. Which will also disappear. Everything will disappear. And what human beings do is just as free of sense as the free motion of elementary particles. Good, evil, morality, feelings? Pure ‚Victorian fictions‘. Only egotism exists.“

Lovecraft über seine Philosophie

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Ein Faktor dessen ist eine zutiefst atheistische Weltsicht. Cosmic Horror nimmt an, dass keine göttliche Kraft im Universum wirkt und die Kreaturen, die im Vergleich zum Menschen Göttern gleich zu sein scheinen, sich im besten Falle nicht für unsere Existenz interessieren – und dessen können wir uns glücklich schätzen!

Denn nicht nur das menschliche Verständnis vom Universum ist realitätsfremd, auch unsere Konzeption von Moralität, von Gut und Böse, Richtig und Falsch sind nichts als Konstrukte. Bei Lovecraft findet sich dies in den wiederholten Betonungen wieder, dass die Absichten seiner kosmischen „Götter“ für den Menschen nicht zu begreifen sind. Sie zu verstehen, ist uns nicht möglich, so wie der Ameise nicht möglich ist, die Absichten des Menschen zu verstehen. Ja, all unsere Fixpunkte, die aus kultureller Entwicklung über Jahrtausende entstanden sind, stellen nichts weiter da, als künstliche Konstrukte ohne objektiven Halt in der Wirklichkeit. So wie Individuen ihre eigene Identität und die anderer konstruieren, konstruieren sie auch soziale Normen – und ersetzen sie im Laufe der Zeit durch neue, die besser an die Umstände angepasst sind.

Selbst im kleinen Rahmen der Geschichte der Menschheit fällt es schwer, diesen Eindruck vollkommen zu widerlegen. Kulturen wandeln sich, steigen auf, gehen unter. Während die menschliche Existenz sich bis dato als sehr überlebensfähig erweist, gilt dasselbe nicht für kulturelle Errungenschaften oder gar Zivilisationen. Geschichte selbst ist nicht linear, sie arbeitet weder auf ein goldenes Zeitalter zu, noch entwickelt sie sich hin zu mehr Fortschritt (was das auch heißen mag) oder eines „besseren“ Welt. Nirgends existiert ein universelles Gesetz, das besagt, eine Hochzivilisation könne nicht in sich zusammenfallen und verschwinden. Das Universum selbst, ist wahrscheinlich einem unausweichlichen Ende als Folge der Entropie ausgesetzt: dem Big Freeze.

Deshalb ist es für Geschichten im Cosmic Horror eher die Regel als die Ausnahme, dass sie mit der Niederlage des Protagonisten – oder gar der Menschheit – enden. Für Lovecraft, der in der menschlichen Fähigkeit zu wissenschaftlichem Vorgehen und dem Glauben nur an das objektiv Erklärbare die einzig wahre Weltsich sah, muss notgedrungen der Verlust dieser Eigenschaften durch Wahnsinn das schrecklichste Schicksal darstellen.

Cosmic Horror ist im weitesten Sinne existenzphilosophisch geprägt. Er beantwortet die Frage nach dem Sinn des Lebens auf eine Weise, die uns nicht gefallen mag, kommt mitunter recht nihilistisch daher. Das ist allerdings nicht die einzig mögliche Denkrichtung für Cosmic-Horror-Geschichten, denn gleichzeitig lässt sich davon auch eine positive Lehre ableiten: Wenn das Leben keinen in sich enthaltenen Sinn (abseits des biologischen Imperativs Fortpflanzung) aufweist, dann muss der Mensch seinen eigenen Sinn schaffen. Es gilt nicht, auf Belohnung im Leben nach dem Tode hinzuarbeiten, sondern für die Dauer der eigenen Existenz Gutes um des Guten willen zu tun. Zustände müssen nicht hingenommen, sondern können zerschlagen werden um den Weg zu neuen – besseren? – Zuständen zu pflastern.

Der Horror in Cosmic Horror kommt aus derselben Quelle wie andere Formen von Horror: Der Erkenntnis, dass es Dinge am Rande unseres Sichtfelds gibt, die sich nicht mit dem gewöhnlichen Leben vereinbaren lässt: Geister und Dämonen lauern in den dunklen Winkeln; der Mörder ist unterm Bett (oder direkt hinter Dir!); hinter den Gesichtern von Passanten lauern außeriridische Körperdiebe. Im Cosmic Horror sind alle Schatten Schlagschatten, die das Licht unserer Erkenntnisbemühungen wirft. Je mehr wir verstehen, desto mehr verstehen wir, wie wenig wir je verstehen können.

Guter Cosmic Horror ist dabei nicht immer leicht zu finden. Zum Abschluss möchte ich auf ein paar zeitgenössische Vertreter eingehen, die nicht unbedingt sind, was man erwartet.

„Along the shore the cloud waves break/The twin suns sink behind the lake/The shadows lengthen/In Carcosa.“

Robert W. Chambers – The King in Yellow

 

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Von Gesichtern und Masken:
True Detective

Die erste Staffel von HBOs True Detective verfügt über keine übernatürlichen Elemente. Im Zentrum steht eine Mordserie, die zwei Polizisten über fast zwei Jahrzehnte hinweg aufzuklären versuchen. Obwohl die Morde voller okkulter Details stecken, wird der Zuschauer vergebens nach dunkler Magie suchen. Dennoch vertritt True Detective auf den zweiten Blick das Genre. Die zugrundeliegende Philosophie Rust Cohles, eines der zwei Detectives, ist von denselben zugrundeliegenden Ideen geprägt, wie Cosmic Horror: Der Mensch – insbesondere sein Bewusstsein – ist ein evolutionärer Zufall. Moralität ist konstruiert. Und hinter der Fassade der Zivilisation lauern Dinge, die in den Schatten gedeihen und ihre Umwelt vergiften. Dass diese Gemeinsamkeiten kein Zufall sind, zeigt die immer häufiger auftretende Symbolik des Gelben Königs, der eine direkte und deutliche Anspielung auf Robert W. Chambers gleichnamige Novelle ist, die auch Lovecraft zu seinen Inspirationen zählte. Die Serie macht dabei nicht den Fehler, die Rolle jener mysteriösen Gestalt für jene, die ihr kultisch folgen zu erklären, sondern lässt – wie guter Horror es stets tut – genug Fragen offen, um die Phantasie des Zuschauers in die dunklen Gassen der Vorstellungskraft zu zerren.

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Spätestens diese visuelle Anspielung macht kein Hehl mehr aus
True Detectives Inspirationen.

Rick: “ Iput a spatially tessellated void inside a modified temporal field until a planet developed intelligent life. I then introduced that life to the wonders of electricity, which they now generate on a global scale. And, you know, some of it goes to power my engine and charge my phone and stuff.“

Rick & Morty

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Der ganz normale (kosmische) Wahnsinn von
Rick & Morty

Auf den ersten Blick ist eine Zeichentrickserie über einen alkoholsüchtigen Wissenschaftler und seinen Enkel, die gemeinsam Abenteuer im knallbunten Multiversum bestehen, nichts, in dem man Cosmic Horror erwarten würde. Hinter dem ersten Eindruck von Rick & Morty verbirgt sich aber eine intelligente, tiefgründige Serie über ebenjene Elemente, die Cosmic Horror ausmachen: Rick ist ein Genie sondergleichen, der ein Taschenuniversum erschaffen hat um sein Auto zu betreiben, eine Folge endet mit der kompletten Zerstörung der Menschheit, nur um fortan in einer Parallelwelt zu spielen, ohne dass es irgendwelche nennenswerten Konsequenzen hätte. Rick & Morty spielt bewusst mit Fragen nach Existenz und Identität, nach Moralität, nach Selbstbestimmung, Schicksal, biologischer Programmierung. Die Serie stellt unser Vertrauen auf die Verlässlichkeit von Erinnerung infrage, die Natur der Realität, die Einzigartigkeit unseres Selbst. Möglicherweise erleben wir sogar in den ersten Minuten der ersten Folge die Vernichtung der Erde.

Und zum Wegschmeißen lustig ist Rick & Morty zudem auch noch.

Sowohl Rick & Morty als auch True Detective fallen dabei auf die aktive Seite des Nihilismus-Spektrums. Rust Cohle gibt sich resignierter als er wirklich bereit ist zu sein: Ja, er mag nur eine biologisch programmierte Fleischmaschine sein, die sich der Zwecklosigkeit ihres Handelns im kosmischen Zusammenhang bewusst ist, doch daraus zieht er nicht die Konsequenz, sich existenzieller Resignation hinzugeben. Rick Sanchez aus Rick & Morty mag ebenfalls in vollem Bewusstsein über die Gewaltigkeit eines Universums leben, in dem es keine festen Größen gibt, keine Garantien, aber das gilt für jedes Individuum – warum also nicht das beste daraus machen, sein Genie ausleben und (so wenig er es zugeben würde) hier und da ein wenig Gutes unter Alkoholeinfluss tun. Sein Enkel Morty als (in vielerlei Hinsicht recht inkompetenter) Sidekick bietet dabei zunehmend so etwas wie eine moralische Richtgröße, auch wenn er sich selbst infolge der gemeinsamen Abenteuer schon früh (und oft) existenziellen Fragen und existenziellem Horror stellen muss.

Für Cosmic Horror ist eine positive Auslegung der Grundkonzepte des Genres nicht ohne Grund eine Seltenheit. „Cosmicism“ hingegen – die eigentliche Philosophie im Kern des Genres – muss dabei nicht so negativ ausgelegt werden, wie Lovecraft selbst es in der Regel tat. Denn diese Lösung von Normen und Moralvorstellungen in kulturellem Kontext kann für manche Charaktere befreiend wirken und ermöglicht ihnen, sich dem Universum auf eine objektivere, analytischere Art und Weise zu stellen. Das ist niemals leicht – Rust Cohle und Rick Sanchez sind nicht ohne Grund selten nüchtern – ermöglicht aber das Hinterfragen von Umständen, die als unverrückbar angesehen werden. Was wie der Werdegang eines Superbösewichts klingt, eröffnet zugleich aber auch Pfade zu Verbesserung, zur Abkehr von tief verwurzelten Annahmen und als universell absolut präsentierter kultureller Ansichten.

Morty: „Nobody exists on purpose. Nobody belongs anywhere. Everybody’s gonna die. … Come watch TV?“

Rick & Morty

Mögt ihr Cosmic Horror? Lovecraft? Oder ist euch das zu negativ? Was sind eure liebsten Arten von Horror?

Viele der Bilder in diesem Artikel stammen mal wieder von deadendthrills.

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4 Gedanken zu “Cosmic Horror

  1. Ja, der kosmische Horror. Ein Thema mit dem ich mich bisher so gar nicht beschäftigt habe. Aber was ist gruseliger als unbekannte Wesen aus dem All? Ich muss zugeben, dass Science Fiction eigentlich nicht meine Welt ist. Meistens ist mir hier zuviel Science in der Fiction, dennoch ist es natürlich so, dass zum Beispiel verlassene Raumschiffe oder Raumstationen eine perfekte Bühne für eine Horror-Geschichte abgeben. Man braucht nur einen Außerirdischen und einen Überlebenden hineinzusetzten und schon hat man eine spannende Grundlage.
    Wie auch immer, ich habe deinen Artikel trotzallem gerne gelesen und finde auch hier mal wieder, dass sich viele „Regeln“ oder „Tipps“ auf fast alle Genres übertragen lassen. Deshalb bleibe ich wohl eher auf der Erde in den guten, alten Spukhäusern. 😉

    LG Sophie

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