Hoffentlich nicht zu spät: Mein Beitrag für tantetexeseses Story-Samstag. Nachdem ich eigentlich eine ganz andere Geschichte über zwei Wochen lang zu schreiben versucht habe, warf ich gestern alles um und hab das hier produziert. Ich hoffe, ihr habt Spaß am Lesen.

“Welches Bild konntest du dir von ihm machen?”
“Höflich, mit guten Manieren. Redet, wenn er was zu sagen hat, sonst nicht. Dann beobachtet er und bringt sich hier und da ein.”
“Gibt es Themen, zu denen er sich besonders gerne äußert?”
“Die Stadt, die alten Familien. Archäologie. War wohl an der Universität, ganz wie die Tochter sagt.”
“Nun, er ist von hoher Geburt. Die meisten verbringen dort das eine oder andere Semester.”
“Länger, denke ich. Beauliard hat den Westcampus erwähnt. Da sagte er, er hätte erwartet, dass die Decke dort irgendwann einstürzen und die Professoren unter sich begraben würde, ehe doch renoviert wurde.”
“Der Herr Beauliard. Und?”
“Ich habe nachgesehen. Der Westcampus wurde vor dreiundzwanzig Jahren erneuert. Er muss wenigstens fünf Jahre an der Universität verbracht haben, wenn er die Arbeiten abgeschlossen gesehen hat.”
“Hat er denn erwähnt, dass er das miterlebt hat?”
“Nein. Ist nur eine Vermutung, aber -”
“Die Tochter wusste nicht, wie lange er studiert hat, oder irre ich mich?”
“Sie hat es zumindest nicht erwähnt.”
“Dann ist es eine Sackgasse, wenn wir feststellen wollen, ob er der ist, als der er sich ausgibt.”
“Die Tochter ist überzeugt. Sie hätte ihn kaum wiedererkannt, als sie von den Inseln zurückkehrte.”
“Manch einer sieht, was er sehen will. Hast du irgendwas herausgefunden, das uns von Nutzen sein kann?”
“Vielleicht.”
“Vielleicht?”
“Er hat sich vorgebeugt um der Henniscour einzuschenken -”
“Der Dame Henniscour.”
“- da konnte ich in seinem Kragen eine Kette sehen. Mit einem Schlüssel dran.”
“Interessant. Ein Schließfach bei der Bank womöglich?”
“Viel zu groß. War ein langes Ding. Und schwer sah’s aus.”
“Hat er deinen Blick bemerkt?”
“Kaum. Hat mich angesehen, aber ich hab ein wenig mit den Lidern geflattert. Geradezu korrektiert habe ich.”
“Kokettiert.”
“Wie auch immer.”
“Worte sind wichtig. Eine Verkleidung kann noch so perfekt sein, sie bringt wenig, wenn die Straße aus dir spricht.”
“Mein Herr, ich bitte vielmals um Vergebung. Sie müssen mir glauben, ich gebe mir die höchste Mühe! Aber, ach, was soll ein junges Mädchen wie ich tun? So klein der Kopf, da passt nichts rein.”
“Als stünde die Dame Henniscour vor mir. Aber genug davon. Der Schlüssel scheint mir interessant und eine andere Spur haben wir nicht. Bist du bereit für einen Nachtausflug?”
“Immer.”

Jareaud hatte sie nur zur Tür begleitet. Die Winterkälte weckte den Schmerz in seinem schlechten Bein.
Elis war Teil der Nacht als sie das Nordufer des Flusses erreichte. Wie sie hüllte Haus Anneiroude sich in Dunkelheit. Wachen sah sie keine. Annei – der Herr Annei! – hatte sie alle entlassen, genau wie die Bediensteten. Ohne diesen Umstand hätte Jareaud wohl wenig auf die Sorgen der jungen Dame Annei gegeben. Nach sieben Jahren bei ihrer Mutter auf den Inseln erkannte sie ihren Vater kaum wieder? Unvorstellbar! Aber niemand entließ grundlos die Hausangestellten nach Jahrzehnten treuen Dienstes. Jedenfalls hatte Jareaud keinen Grund finden können. Im Gegenteil, der ehemalige Kellermeister der Anneis hatte beinahe verbatim die Worte der Tochter wiederholt: “Mein Herr Annei ist nicht er selbst.”

Drinnen regierten Staub und Spinnweben. Ein verklemmtes, aber nicht verriegeltes Fenster hatte Elis Zugang gewährt. Sie fand sich auf einem Speicher wieder, alleine mit trägen Spinnen und alten Möbeln und Gemälden.
Jareaud hatte sichergestellt, dass sie das Haus in- und auswendig kannte, bevor sie es betrat. Aus dunklen Quellen hatte er wieder einmal Pläne zutage gefördert, die eigentlich nicht existieren sollten. Anneiroude war alt und im Laufe der Jahrhunderte mehrmals erweitert und umgebaut worden. Zweimal fand sich Elis vor Wänden wieder, die auf keinem Plan verzeichnet waren, ehe sie das Schlafzimmer des Herrn Annei fand. Ein süßlicher Geruch hing in der Luft, den sie schon beim Bankett der Dame Henniscour bemerkt hatte. Sie hatte ihn auf die aufgetürmten Süßspeisen geschoben, aber hier war er wieder.
Der Herr Annei lag starr auf dem Rücken, die Arme an der Seite. Er schnarchte nicht und schlief so ruhig, dass Elis beinahe etwas Neid verspürte.
Seine Kleider hatte er achtlos auf einen Stuhl geworfen. Sorgsam darauf bedacht, keinen Laut zu verursachen, durchsuchte sie sie, doch den Schlüssel fand sie nicht.
Sie sah sich um. Auch hier lag überall Staub. Sie konnte ihre eigenen Spuren sehen und jene, die Annei hinterlassen hatte. Die Schicht auf den Kommoden und Nachttischen war makellos. Elis musste an Anneis Tochter denken, die gegen die Tränen angekämpft hatte, nur um schließlich zu verlieren.
“Seine Natur war niemals warm”, hatte sie geschluchzt. “Aber jetzt … in seinen Kleidern scheint ein gänzlich anderer zu stecken.”
Elis rief sich den Lageplan in Erinnerung. Den Gang hinunter und dann rechts – dort gab es ein Studierzimmer. Möglicherweise hatte er dort …
Sie hatte sich zum Bett umgedreht und unterdrückte einen Fluch. Um Anneis Hals, genau wie beim Bankett, lag eine Kette. Er trug den Schlüssel immer noch.
So vorsichtig sie konnte, zog sie an der Kette, bis sie den Verschluss fand. Selbst mit ihren Handschuhen gelang es ihr auf Anhieb, ihn zu öffnen. Den Schlüssel von der Kette zu fädeln war langwieriger, doch letztendlich hielt sie ihn in den Händen.
Weinreben waren auf dem Griff eingraviert, daneben ein Kelch und ein Fass. Ein Schlüssel zu einem Weinkeller, womöglich? Könnte dies eine weitere Sackgasse sein? Der Herr Annei, Weinliebhaber mit Verfolgungswahn … Ein anderer Grund wollte ihr nicht einfallen, weshalb er selbst im Schlaf den Schlüssel bei sich tragen sollte. Vielleicht konnte Jareaud sich einen Reim darauf machen.
Sie zögerte. Dann drehte sie sich um und verließ das Schlafzimmer.

Anstatt zum Speicher zurückzukehren, stieg sie hinab. Zumindest der Zugang zum Keller befand sich, wo er auf dem Plan verzeichnet gewesen war. Hier war die Dunkelheit vollkommen. Nach einem Moment wurde Elis fündig: Eine Laterne und ein Satz Zündhölzer lagen auf einem Tisch gleich neben der Tür.
Auch hier war die Staubdecke durchbrochen, nicht nur von der Ratte, die vor dem plötzlichen Licht floh. Jemand war hier unten gewesen, kürzlich und oft. Den größten Teil des Kellers nahm eine Küche ein. In einem der Töpfe schimmelte eine vergessene Mahlzeit vor sich hin. Annei hatte seine Bediensteten nicht nur unerwartet, sondern auch von einem Moment auf den nächsten vor die Tür gesetzt, schien es. Schließlich fand Elis, wonach sie gesucht hatte: Eine schwere Tür mit Eisenschloss und Verzierungen – einer ins Holz geschnitzten Weinrebe, einem Kelch und einem Fass. Ein schmales Fenster enthüllte bloß Dunkelheit.
Noch etwas zog ihre Aufmerksamkeit auf sich: Jemand hatte einen Tisch neben die Tür gerückt. Darauf stapelten sich Bücher, heruntergebrannte Kerzen und Fläschchen mit dunklen Flüssigkeiten. Elis haderte mit sich, ehe sie die Laterne abstellte und eines der Bücher aufschlug. Die Schrift darin war ihr nicht unbekannt, doch sie konnte nur ein paar Wörter entziffern. Jareaud versuchte noch immer, ihr die Alten Zeichen beizubringen, wovon er sich auch durch ihr erwiesenes Untalent nicht abhalten ließ. Anneis musste sie an der Universität erlernt haben.
… Mantel …, las sie. Nein, … im Mantel … Und: … aus eintausend Fetzen … Und: … nur etwas, Tag um Tag …
Ein Geräusch ließ sie aufschrecken. Zuerst glaubte sie, ertappt worden zu sein, doch der Laut kam von jenseits der Weinkellertür. Ihr Herz klopfte bis in ihren Hals. Sie schloss das Buch.
Ein oft genutztes Schloss war stets von einem ungenutzten zu unterscheiden. Ein Schlüssel glitt leichter hinein und der Drehwiderstand war spürbar, aber weder zu fest, noch zu locker. Jemand hatte diese Tür oft benutzt, das verriet auch der matte Viertelkreis im Steinboden.
Die Dunkelheit des restlichen Kellers verdoppelte sich im Weinkeller. Selbst die Laterne durchschnitt sie kaum. Elis stellte sicher, dass die Tür nicht zufallen konnte. Auf der Innenseite gab es kein Schloss und sie hatte – stand zu vermuten – den einzigen Schlüssel. Weinfässer reihten sich an den Wänden, dazwischen Regale mit verstaubten Flaschen. Fußspuren führten tiefer ins Dunkel. Sie folgte ihnen, obwohl ein Teil von ihr am liebsten kehrt gemacht hätte.
Der Laut wiederholte sich. Ein Wimmern, so hauchdünn, dass sie es wohl niemals gehört hätte, wäre der Keller nicht still wie eine Grabkammer.
Etwas bewegte sich in den Schatten, zu groß für eine Ratte. Sie hob die Laterne, während sie sich zugleich für die Flucht bereit machte. Doch was das Licht enthüllte, konnte ihr nicht gefährlich werden.
An der rückwärtigen Wand kauerte eine magere Gestalt. Schwere Ketten banden sie an den Stein. Als das Licht auf ihn fiel, vergrub der Gefangene das Gesicht in den Händen. Er schien in die Fugen zwischen den Steinen kriechen zu wollen, fort von ihr. Sein Wimmern wurde lauter.
“Nein”, hörte sie. “Nein. Bitte, nein!”
Mit Mühe löste Elis sich aus ihrer Starre. Sie warf einen Blick zurück, doch in der Dunkelheit war die Tür längst verschwunden.
“Schhh!” Sie hockte sich neben dem Gefangenen nieder. Als sie ihn berührte, zuckte er zusammen, als wären ihre Finger glühende Eisen. “Sie müssen ruhig sein. Jemand wird Sie hören.”
Ihre Worte, oder vielleicht etwas in ihrer Stimme, ließen den Gefangenen ruhiger werden. Er senkte die Hände.
Elis erschrak. So ausgezehrt seine Züge auch waren und selbst mit strähnigem Haar und filzigem Bart, erkannte sie ihn doch wieder.
“Marielle?” Seine Stimme war ein heiseres Wispern. “Marielle? Du?”
Elis schüttelte den Kopf. “Nein.” Ihre eigene Stimme versagte ihr den Dienst. “Nein, mein Herr Anneis. Ich bin nicht Marielle. Aber sie hat mich geschickt. Ihre Tochter sucht nach Ihnen.”
Etwas in seinen Augen veränderte sich. Verwirrung und Furcht wurden zu etwas anderem. Zu blankem Schrecken, erkannte sie.
“Er trägt mein Gesicht.” So gequält wie seine Worte, war auch sein Blick. “Er nimmt und nimmt … nur für mein Gesicht.” Es kostete ihn alle Kraft, sich aufzusetzen, selbst mit Elis Hilfe. Sein Bauch war braun und rot von verkrustetem Blut. Mit Knochenfingern tastete er über die zahlreichen Narben, ein Flickenteppich aus Narben. Jemand hatte ihm die Haut abgezogen. Nicht großflächig, nur …
“… nur etwas, Tag um Tag.” Sie klang wie ein Krähe, rau und heiser.
Anneis war in atemloses Brabbeln verfallen: “Er sucht etwas unter Anneiroud … Oh, Marielle, er hat hier gegraben … er musste ich sein … aber er … ich denke er hat es fast gefunden … er braucht mich nicht mehr, Marielle. Er braucht mich nicht mehr …”
Kalte Angst ballte sich in Elis Magen. Sie griff nach Anneis Ketten. Wenn es ein Schloss gab, könnte sie es knacken. “Ich werde Sie hier raus bringen. Zu Ihrer Tochter. Ich muss nur …” Sein Blick war nicht länger auf sie gerichtet, sondern auf einen Punkt hinter ihr. Erst da bemerkte sie, dass ihre Laterne nicht mehr die einzige Lichtquelle war.
In der Tür stand eine schlanke Gestalt. Selbst als Silhouette vor dem Licht einer einzelnen Kerze wirkte etwas an ihr falsch – wie ein Scherenschnitt von stumpfer Schere.
Der Gefangene Anneis wimmerte nur noch wortlos. Der Anneis in der Tür schwieg. Die Dunkelheit verbarg sein Gesicht genau wie den Rest von ihm. Dann hob er den Arm.
“Nein!”, bellte Elis. Sie ließ Anneis los und sprang auf. Mit dem Fuß stieß sie die Laterne um. Glas splitterte und die Finsternis fraß die Flamme. Sie rannte, doch die Tür schwenkte kratzend, aber schnell herum. Der Knall, mit dem sie zuschlug hallte in der Dunkelheit wieder, aber viel lauter erschien Elis das Klicken des einrastenden Schlosses.
Nutzlos schlugen ihre Fäuste gegen das Holz. Der falsche Anneis beobachtete sie durch das kleine Fenster, während sie tobte und flehte und fluchte. Sie konnte sein Gesicht nun sehen, sein amüsiertes Lächeln – den viel zu stumpfen Schimmer seiner Haut; den Mundwinkel, der einen Hauch zu weit nach oben wanderte; die Augen, die nunmehr bemaltem Porzellan glichen. Etwas bewegte sich hinter seinem Gesicht, wie Maden in einem Kadaver. Sein süßlicher Geruch drohte, sie zu ersticken.
“Den Schlüssel können Sie behalten.” Seine Stimme war nicht länger die Anneis. “Ich wünsche Ihnen viel Freude daran.” Dann drehte er sich um, als könne er sie weder sehen, noch hören und nahm das letzte Licht mit.

Nachdem der Ball ins Rollen kam, hatte ich sehr viel Spaß beim Schreiben. Es ist für mich immer eine große Freude, in Die Stadt, den Schauplatz meines bisher längsten, vollständigen Projekts zurückzukehren.

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3 Gedanken zu “Story-Samstag: Elis

    1. Freut mich, dass es dir gefallen hat.

      Ja, ich neige irgendwie dazu (öfter als mir lieb ist), Kurzgeschichten mehr in Richtung von Prologen für längere Texte zu schreiben. Keine Ahnung ob aus Elis mal mehr wird.

      Im Setting von „Die Stadt“ sind Obsessionen mit verborgenen Geheimnissen und die Suche nach vergrabenen (bildlich und faktisch) Dingen allerdings ein wiederkehrendes Thema. Vielleicht begegnet irgendwer, irgendwie dem „Herrn Anneis“ mal wieder 😉

      Liebe Grüße,
      pw

      Gefällt 3 Personen

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