Der Horror hält an. Besonders für mich. Denn ich rüttle ein wenig an meinen eigenen Veröffentlichungsgewohnheiten für meinen oktoberlangen Horror-Fokus. Statt eines kurzen Zwischendurch-Artikels gibt es diese Woche einen längeren Blick auf Kris Straubs großartigen Webcomic Broodhollow.

Stephen King sagte einmal, Comedy und Horror stammten im Grunde aus derselben Quelle: Beide präsentieren etwas, das bisher hinter dem Offensichtlichen lag, gar tabuisiert wurde. Der Comedian zerrt diese Dinge hervor um sein Publikum zum Lachen zu bringen – der Horrorautor um es Erschauern zu lassen.

Kings Aussage kann nicht falsch sein, so seltsam sie im ersten Moment auch wirken mag – gemeinhin gilt doch, wer lacht, der kann sich nicht fürchten – stellt sie doch eine hervorragende Erklärung für Broodhollow dar. Denn Straub versteht es, die beiden Genres dicht zu verweben, ohne dass eines das andere verdünnt. Nirgends wird dies schneller deutlich als bei Straubs Zeichenstil. Straubs Figuren unterstützen die Pointen seiner Gags, aber wann immer der Horror in Broodhollow in den Vordergrund tritt, verstärken sie ihn, gerade weil sie beinahe schon cartoonig erscheinen. Dabei handelt es sich ohne Frage um eine bewusste Entscheidung, denn wann immer Geister oder andere Kreaturen ihre Aufwartung machen, brechen sie bewusst mit dem restlichen Stil des Comics. Sie sind oft detaillierter als Broodhollows restliche Einwohner und Panels. In ihren Details lauert ein teils schockierender Realismus, der sie nur befremdlicher wirken lässt. Die zuvor knalligen Farben der Panels werden dann verwaschener, Flächen, die zuvor aus einem einzigen Farbton bestanden, werden mit plötzlicher Textur überwuchert, jeder Schatten dunkler und lebendiger und die Realität selbst scheint ein schmutziges Rot zu bluten.

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In einer zuvor vergleichsweise normale Szene erfolgt eine Enthüllung, die die Charaktere erschüttert, den Leser schockiert und vorangegangene Ereignisse in neuen Kontext setzt.

Dieser Effekt tritt mal mit Wucht, mal so subtil auf, dass er erst bei erneutem Lesen auffällt. Diese Subtilität trägt nur zur Wirksamkeit des Horros bei: Eine zuvir schlichte, alltägliche Szene weckt nun Zweifel. Der Leser kommt nicht umher, sich zu fragen, wie dünn die Schicht der Realität ist, die Broodhollows dunkle Seiten zurückhält – oder wieviel vom Gelesenen der Realität entspricht.

Ein anderes, ähnlich subtiles Mittel ist die häufige Verwendung von stärker detaillierten Hintergründen im Kontrast zu den cartoonigen Charakteren, die mit einzelnen, kräftigen Tönen eingefärbt sind. Beim Lesen solcher Sequenzen – etwa bei einem Besuch eines verstaubten Ladengeschäft – keimt ein nicht wirklich zu erfassendes Gefühl von Beunruhigung auf. Durch die plötzliche Zunahme an Details ist man sich nie wirklich sicher, ob diese Linie hier, der Haufen Krimskrams dort, nicht noch etwas ganz anderes verbirgt.

Broodhollow ist die Geschichte des Vertreters Wadsworth Zane, der während der Weltwirtschaftskrise Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts durch ein plötzliches Erbe in die kleine, gemütliche Stadt Broodhollow zieht. Die Leute dort sind freundlich, wenngleich einige Bräuche befremdlich erscheinen, denn Broodhollow ist auch bekannt als Stadt der tausend Feiertage, mit Festen und Traditionen, die nirgendwo anders anzutreffen sind.

Der Leser begegnet Wadsworth das erstmals auf der Couch des Psychoanalytikers Dr. Klaus Angstrom (der regelmäßig versucht, Siegmund Freuds Erkenntnisse mit abgeschmirgelten Seriennummern als seine eigenen auszugeben). Wadsworth ist nicht nur von der wirtschaftlichen Lage niedergeschlagen, auch seine Ängste nagen am ihm. Er ist davon besessen, Türen, Fenster, gar Schubladen entweder geschlossen oder weit geöffnet halten zu müssen. Ist eine Tür nämlich nur ein kleines Bisschen offen, ensteht – in Wadsworths eigenen Worten  –  „Ungewissheit“. Mit dieser Ungewissheit kommt Potential: Jemand könnte eintreten oder auch nicht. Aber in diesem Potential steckt zudem die Möglichkeit, dass Dinge geschehen könnten, die nicht geschehen sollten. Eine offene Schranktür ist nur eine Schranktür, aber durch den Spalt einer beinahe geschlossenen Schranktür, könnten Dinge lugen – und der Schatten dahinter alle möglichen Orte verbergen.

Straubs Horror entsteht aus eben diesen Potentialen, dem Gefühl, dass etwas geschehen könnte, das etwas nicht stimmt – bis dann offensichtlich wird, dass genau dies der Fall ist und der Schock den Leser mit voller Wucht trifft.

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Die Anordnung der beiden Türen auf einer Linie in zwei übereinanderliegenden Panelen erzeugt einen beunruhigenden Effekt.

Die besten Geschichten haben nicht nur eine Handlung, sie haben auch ein Thema, das sich in vielen ihrer Facetten wiederfinden lässt und hilft, verschiedenste Elemente und Ereignisse unterschwellig zu verbinden. In Broodhollow ist eines dieser Themen ganz klar das Vergessen. Charaktere neigen zu Gedächtnislücken, derer sie sich selbst nicht bewusst sind. Man kann es wieder auf das erwähnte Potential zurückführen: Vergessenes mag subjektiv nicht mehr existent sein, doch es ist unweigerlich weiterhin Teil der Welt. Straub spielt so effektiv mit dem Thema des Vergessens, dass ich mir nach mehrfachem Lesen nicht ganz sicher bin, ob er nicht zwischenzeitlich frühere Comicseiten durch leicht unterschiedlichen Versionen ersetzt hat.

Das Vergessen in Broodhollow ist eine reichhaltige Quelle des Horrors. Es schafft Ungewissheit nicht nur beim den Charakteren, sondern auch beim Leser: Wie sehr können wir den Ereignissen vertrauen? Oder der Geisteswelt der Protagonisten? Im Rahmen des Vergessens spielt Straub auch mit menschlichsten Ängsten bezüglich der Furcht, etwas ausgesetzt zu sein, von dem man nicht wirklich weiß – nur ahnt – dass es real ist. Natürlich lauern in der Realität in den Schatten keine dämonischen Kreaturen, aber von Broodhollow kann das gleiche nicht ohne weiteres behauptet werden.

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Monsterfledermäuse erscheinen im Kontext von Broodhollow nicht sehr ungewöhnlich. Womöglich sind sie sogar Einbildungen Wadsworth. Was nicht heißt, dass sie ungefährlich wären.

Diese Themen sind geradezu Klassiker der existenzphilosophischen Geschmacksrichtung von Horror, die Straub heraufbeschwört. Oftmals erweisen sich Wadsworths Wahrnehmungen bei genauerem Hinsehen als viel weniger eindeutig. Wieder einmal ist die Rotfärbung bestimmter Panels ein Hinweis, der wenigstens Zweifel im Leser wecken sollte. Diese Unsicherheit – die wir in unsere Welt gelassen haben, indem wir mit einem Klick die Tür nach Broodhollow öffneten – durchdringt alle Facetten des Comics. Gerade in ruhigeren Sequenzen entsteht dadurch ein anhaltendes Gefühl der Ungewissheit.

Denn Straubs Altpraumkreaturen sind nicht das beängstigendste an seinem Comic. Es gibt nur wenige von ihnen und sie treten selten auf. Sie gleichen mehr Interpunktion, mehr Symptomen eines tieferliegenen Mysteriums, das Broodhollow umschlingt. So lässt Straub auf den Abschluss des ersten Hauptplots über einen mordenden Geist in all seiner dunkelroten Pracht eine Reihe ruhigerer Ereignisse folgen, in der sich die Charaktere vom Erlebten erholen – nur um Broodhollows erstes Buch mit einer subtileren, aber nicht weniger schreckenserregenden Enthüllung zu beenden: Zum ersten Mal ist auch Wadsworth, der bisher nur Zeuge dieses Zustands bei anderen Charakteren war, selbst von dem eigenartigen Gedächtnisverlust betroffen. Während der Leser sich der vergangenen Ereignisse bewusst ist, könnten sie aus Wadsworths Perspektive ebensogut gar nicht geschehen sein. Diese Informationsungleichgewicht erhöht die Spannung enorm, gerade eben in den Alltagszenen: Gibt es womöglich Ereignisse oder Bedrohungen, von denen wir nicht erfahren werden, jetzt wo ein noch unzuverlässiger erzählender Wadsworth nicht einmal mehr über verlässliche Erinnerungen verfügt?

Schlimmer noch: Spätestens ab Beginn des zweiten Buchs („Angelworm“) wird deutlich, dass jede noch so normale Szene in nur wenigen Panels in absolut furchterregene Gefilde abdriften kann. Realität und Traum verlaufen immer stärker ineinander.

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Siehe: Was immer das is

Furcht, Erinnerung, Vergessen sind zentrale Themen und noch ist nicht ganz klar, was es mit ihnen auf sich hat. Ist das Vergessen eine Reaktion von Wadsworths Psyche auf die schrecklichen Dinge, die er gesehen hat? Oder manipuliert etwas die Erinnerungen der Einwohner von Broodhollow? Hat etwas möglicherweise Interesse daran, Furcht zu verbreiten?

Broodhollow ist eine überraschend tiefgreifende Geschichte, die den Leser zu Beginn mit ihrem cartoonigen Zeichenstil in falsche Sicherheit lullt und hinter dem offensichtlichen Horror andere, reellere Themen anschneidet. Sie erzählt auch von jenen Ängsten, die aus dem Inneren erwachsen und sich auch durch logischste Betrachtug kaum kontrollieren lassen. Während Wadsworth fast manisches Vorgehen im Bezug auf Türen sie zu mildern scheint, kann kein Zweifel daran bestehen, dass er sich ihnen früher oder später in ihrer Gänze stellen muss.

Ich habe Broodhollow für die Horror-Lupe ausgewählt, weil der Comic nicht nur über interessante, für mich erschreckende Dinge erzählt, sondern sein Medium nutzt, um sie in jede seiner Facetten einfließen zu lassen. Wer aufmerksam liest, für den entwickeln Szenen oft neue Kontexte, nur auf Basis der verwendeten Farben oder fehlender Rahmen um bestimmte Panels. Straub schafft es zudem, Comedy und Horror in einer Mixtur zu verbinden, in der sich beide Elemente nicht gegenseitig abschwächen, sondern verstärken. Er versteht außerdem meisterhaft, was manch anderen Horror-Machern entgeht: Guter Horror braucht ruhige Momente, vielleicht sogar mehr als schreckliche. Sequenzen puren Horrors entfalten gerade in Kontrast zu gelasseneren, alltäglicheren (aber nicht unbedingt weniger beunruhigenden) Ereignissen die größte Wirkung. Ja, Geister können gruselig sein. Aber wenn der Leser Gelegenheit hat, über die Implikationen der unterliegenden Themen nachzudenken, schafft das eine ganz andere Qualität von Horror – eine, in er die Vorstellungskraft des Lesers gegen ihn verwendet werden kann.

Darüber hinaus kann man sich an manchen von Straubs Bildern auch einfach nur satt sehen.

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War jemandem von euch Broodhollow bereits bekannt? Konnte euch mein Artikel für den Comic interessieren? Was ist eure Erfahrung mit Horror-Comics (oder Webcomics allgemein)?

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Ein Gedanke zu “Unter der Lupe: Broodhollow

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