Die allererste Montagsfrage, die ich auf diesem Blog beantwortet habe, beschäftigte sich mit der Frage nach offenen Enden und Cliffhangern.  Heute möchte ich noch einmal einen kurzen Blick auf dieses Thema werfen und fragen: Sind offene Enden in Horrorgeschichten effektiv?

Offene Enden sind immer Balanceakte, denn weder dürfen sie den Leser mit dem Gefühl zurücklassen, um eine Auflösung betrogen worden zu sein, noch sollten sie belanglos sein. Für Horrorgeschichten kommt zudem hinzu, dass hier oft die ungeklärten Elemente der Geschichte erst Spannung erzeugen. Horror liegt schließlich oftmals nicht in den Dingen, die wir sehen und wahrnehmen oder gar erklären können, sondern in den blinden Flecken unserer Existenz. Der Horror aus dem Nichts erlaubt uns, diese Lücken selbst auszufüllen oder zwingt uns, unsererm Unterbewusstsein Gehör zu schenken, während es die Schatten am Ende des Korridors mit all den vagen Kreaturen bevölkert, die wir sicher in unserem Hinterkopf weggesperrt glauben. Guter Horror spielt bewusst mit diesen Elementen. Eine meiner absoluten Lieblingssequenzen aus Alien spielt in einer Art Lagerturm. Kondenwasser tropft herab, jede Oberfläche glänzt im Licht einer nicht wirklich verortbaren Lichtquelle, Ketten hängen von einer  Decke, die wir nie wirklich sehen. Das Bild ist dadurch sehr bewegt und in dieser Bewegung kann das Alien sich verstecken, bis wir zu spät erkennen, dass wir es die gesamte Zeit über sehen konnten.

Horrorgeschichten, die bis ins Detail erklärt werden, verlieren oft an Wirkung. Wie bei allen stilistischen Entscheidungen spielt die Umsetzung hier natürlich eine wichtige Rolle. Eine gelungene Aufklärung kann etwa bisherige Ereignisse in einen neuen Kontext setzen und dadurch den Schrecken umso effektiver machen. Ein gutes Beispiel wäre dafür der Film The Others, dessen finaler Twist nicht nur der Logik der Handlung nicht wiederspricht, sondern den bisherigen Ton einer klassischen, wenn auch sehr gut gemachten Geistergeschichte in geradezu existenziellen Horror umwandelt.

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Nicole Kidman in The Others (2001) – Bonus-Horror für mich, weil ich feststelle, wie alt ich bin.

Ein wichtiger Faktor, wenn man über die Verwendung eines offenen Endes nachdenkt, ist zu überlegen, wovon die Geschichte eigentlich handelt. Unterstützt oder untergräbt das Ende das zentrale Thema der Erzählung? Einer der klassischen Fehler sind offene Enden, die wie angetackert wirken. Oft kommen sie in schlechten Horrorfilmen vor: Der Protagonist ist der Manifestation des Bösen entgangen, hat sie gemäß der magischen Regeln, denen sie folgen muss, bezwungen und gebannt. Doch während er in den metaphorischen Sonnenuntergang reitet, regt sich ein Schatten am Bildschirmrand: Das Böse ist zurück und – uuuuh! – wird es vielleicht als nächstes dir auflauern? Immerhin schaut es direkt in die Kamera. Das mag kurzfristigen Effekt haben, kann aber die Handlung selbst untergraben, indem es die eherne Grundlage jedes guten Plots auflöst: die Verkettung von Aktion und Konsequenz.

Ein schlechtes offenes Ende kann dazu führen, dass wir uns als Leser betrogen fühlen. Wenn alles, was der Protagonist getan hat, von Anfang an umsonst war, wieso sollten wir uns überhaupt dafür interessieren? Eine Lösung wäre, die Regeln denen das Monster folgen muss, deutlich zu machen, aber den Protagonisten einen Fehler in ihrer Interpretation machen zu lassen. Dem Leser (oder Zuschauer) kann das auffallen, ohne dass es die Spannung mindert, vorausgesetzt er begeht den Fehler nicht aus Gründen, die nur aus der Perspektive des Plots Sinn machen. Im Grunde ist die klassische Tragödie in diesem Aspekt daher ein nicht sonderlich entfernt mit dem Horror verwandt: Die Fehler der Protagonisten erwachsen nicht äußeren Umständen, sondern Charakterfehlern. Am offenen Ende einer Geschichte, die auf diesen Prinzipien aufbaut kehrt das Monster also nicht deshalb zurück, weil der Protagonist durch für ihn unersichtliche äußere Umstände von Anfang an zum Scheitern verurteilt war, sondern weil er an einer entscheidenden Stelle nicht aus seiner Haut kann. Dann bedarf es nicht einmal eines Blicks in die Kamera um den Zuschauer zum Teil des Horrors werden zu lassen. Unweigerlich fragen wir uns – vielleicht noch während wir den Protagonisten für seine Fehler verdammen – wie es uns in dieser Situation ergehen könnte. Was sind unsere Fehler, unsere Schwächen und dunklen Geheimnisse? Wenn es darauf ankäme, könnten wir sie überwinden? Oder führen sie uns gleichermaßen in die Verdammnis?

Ein offenes Ende in einer Horrorgeschichte – wie auch in anderen Geschichten – sollte keine Effekthascherei sein, sondern Konsequenz der vorangegangenen Handlung. Das gilt für den Plot ebenso, wie für den Prozess des Schreibens. Ein gutes offenes Ende trennt nicht einfach den Abschluss der Handlung mit ratternder Kettensäge ab. Vielmehr weigert es sich, Dinge auszusprechen, die der vorangegangene Text bereits impliziert. Eine Geschichte mit offenem Ende muss daher um dieses Ende herum konstruiert werden. Hinweise müssen im Text versteckt werden, Konsequenzen bereits früh angedeutet werden. Die Charaktere dürfen verwirrt zurückbleiben, nie aber der Leser. Der darf mit offenen Fragen zurückgelassen werden, aber die vorangegangene Geschichte sollte ihm zumindest Anknüpfungspunkte lassen, durch die Weiterdenken angeregt wird.

  • offene Enden müssen aus der Handlung erwachsen, nicht angefügt werden nur um ein offenes Ende zu haben
  • nur weil eine Geschichte ein offenes Ende hat, darf die Logik nicht aus dem Fenster geworfen werden – alles was geschieht, sollte auf die Eigenschaften der Charaktere zurückzuführen sein
  • Oft ist Horror am effektivsten aufgrund der Dinge, die nicht gesagt werden – was danach übrig bleibt, sollte trotzdem nachvollziehbar sein
  • offene Enden können Spannung erzeugen, in dem sie ein Informationsungleichgewicht zwischen Protagonist und Leser erzeugen (generell eine gute Faustregel für Horrorgeschichten)
  • Billige Effekte sind zu vermeiden. Ein offenes Ende ist nicht automatisch gut, nur weil es mittem im Satz …

Wie lautet eure Haltung zu offenen Enden, besonders in Horrorgeschichten? Habt ihr vielleicht Positiv- oder Negativbeispiele?

 

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5 Gedanken zu “Zwischendurch: Ungeklärte Mysterien – Offene Enden in Horror

  1. Ich mag generell keine offenen Enden, da man sich dafür immer die Fortsetzung nr. x² offen hält. Siehe Freitag der 13. Teil 13 oder 14? Lächerlich ist so etwas.
    Filme sollten ein Ende haben. Es sei denn, es ist von vorne herein als Mehrteiler ausgelegt. Dann muss es aber auch erkennbar sein.

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    1. Ein offenes Ende muss ja nicht unbedingt eine Fortsetzung ankündigen. Siehe Inception.
      Aber generell stimme ich insofern zu, dass ein offenes Ende wohlüberlegt verwendet werden sollte – was leider die Ausnahme darstellt

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  2. Ich bin eher nicht so der Fan von offenen Enden. Wenn das Buch eine Fortsetzung bekommt, kann ich es gut verkraften, aber ich habe es einfach lieber, wenn schlussendlich alles aufgeklärt wird.
    Spontan fallen mir aber zwei Beispiele von offenen Enden ein, die mich fertig gemacht haben (aber im positiven Sinne):
    1. Inception: Ich liebe diesen Film und habe ihn schon etliche Male gesehen. Und jedes Mal versuche ich wieder einen Hinweis, auf das wirkliche Ende des Films zu finden.
    2. Shutter Island (Buch): Dieses Ende hat mir wirklich schlaflose Nächte bereitet und ich habe sogar gegoogelt, ob es nicht eine offizielle Auflösung dafür gibt. (Gibt es leider nicht, aber verschiedenste Interpretationen dazu.)

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  3. Ich habe diese Montagsfrage auch beantwortet und ich glaube wir sind uns mal wieder einig: Ein offenes Ende muss einfach zur Geschichte passen. Gerade das was du ansprichst gibt es ja in diversen Zombiefilmen (oder allgemein gerne in Geschichten mit Untoten) am Ende ist das scheinbar bezwungene Böse wohl doch nicht bezwungen. Ein Beispiel was mir da einfällt wäre der gute alte Carrie Film in dem am Ende ihr Grab gezeigt und angedeutet wird, dass sie wohl doch nicht wirklich gestorben ist. Oder ist es wohl doch wieder ein Traum ihrer (beinahe) Freundin? Man weiß es nicht so genau und deshalb ist es (für mich) eigentlich ein passendes offenes Ende, wie es bei King öfter mal ist. (Wobei meinem empfinden nach er überwiegend mit geschlossenen Enden arbeitet)

    Schön finde ich, dass du hier The Others erwähnst. Einer der Filme die ich richtig, richtig mag, eben wegen dem Twist am Ende. Solche Filme sind es, die man eigentlich mehrmals schauen muss und beim zweiten mal es mit ganz anderen Augen schaut. Ein weiteres Beispiel hierfür ist wohl The Sixth Sense, wo es einen ähnlichen Twist am Ende gibt und man beim zweiten Mal schauen immer wieder nach Andeutungen und Hinweisen sucht. Beides sind eigentlich diese typischen Filme, bei denen der Horror eher unterschwellig und versteckt daher kommt und die ich deshalb mag. (Auch wenn hier die Ende nicht wirklich offen sind)

    Ein Ende das ich nicht wirklich mag, habe ich erst neulich bei Rise: Blood Hunter gesehen. Ein fast schon typischer Vampir-Horror-Film, bei dem ich aber die Protagonisten zusehr mochte um ihn schlecht zu finden, aber das Ende (es ist ähnlich wie bei Carrie) hat eigentlich die ganze bisherige Logik über den Haufen geworfen.
    Furchtbar sind ja diese Enden bei denen man spürt, dass sich der Autor noch eine Hintertür offen hält, damit er noch eine Fortsetzung hinterher schieben kann. Diese typische Sache, wo man denkt: Logisch wäre es gewesen, wenn der Bösewicht/Held jetzt tot wäre, aber dann würde es keine Fortsetzung mehr geben.
    Bevor ich jetzt richtig ins Schwafeln gerate höre ich jetzt einfach mal und lasse noch viele Grüße da.

    LG Sophie

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