Einer meiner Vorsätze für Unter der Lupe lautet, sich auf Positivbeispiele zu konzentrieren. Ich versuche, mich daran zu halten. Ab und an kommt aber ein Unterhaltungsprodukt daher, das groß genug ist als dass es ein wenig Kritik vertragen könnte. You Are Wanted ist so ein Fall. Welche Probleme die Serie hat und wo die Ursachen dafür liegen könnten – ein Analyseversuch nach der Unterbrechung.

(Dieser Artikel wird Spoiler für You Are Wanted enthalten, ebenso wie Spoiler für die erste Staffel von HBOs True Detective. Wer letztere Serie noch nicht gesehen hat, sollte das defintiv nachholen.)

In der sehr deutschen Debatte um die Wertigkeit von Unterhaltungsprodukten versuche ich ja immer, mich irgendwo zwischen die Stühle zu setzen. Einerseits bin ich der festen Meinung, dass Bücher, Filme und dergleichen nicht an ihrem Genre gemessen werden sollten, sondern nur an ihrer Qualität. Andererseits bin ich überzeugt, dass ausführliche Analysen von Kunstwerken helfen können, bessere Geschichten zu schreiben – „Film/Buch XY soll doch nur unterhalten“ sollte kein Grund dafür sein, gedankenloses Gesabbel abzuliefern.

So kann auch ein geradliniger Actionfilm mit Aufmerksamkeit, Kreativität und einer gehörigen Prise Genie und Aussage gemacht werden, wie Mad Max: Fury Road 2015 bewiesen hat – und ein Drama über Nazivergangenheiten flach und unreflektiert sein, wie Der Vorleser. Ein Kunstwerk muss nicht mit dem Zaunpfahl winken oder theatralisch darauf aufmerksam machen, wie viel Nachdenken in seine Schöpfung einging – aber genau so wenig sollte es sich hinter dem Mantel einfacher Unterhaltung verstecken, wenn Inkonsistenzen und schlechte Schreibe kritisiert werden.

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You Are Wanted ist eine deutsche Serie über Hacker in Berlin und den Kampf eines Familienvaters um seinen Namen und sein Leben, als ein Cyberangriff seine Existenz auf den Kopf stellt. Amazon hat kräftig in die Serie investiert und optisch sieht man ihr das in einem recht stilisierten Look an.  Soweit von mir feststellbar, sind die technischen Elemente (bis auf eine Videospielsequenz in der zweiten Hälfte der Serie) gut recherchiert, Hacking geschieht hier nicht auf NCIS-Niveau, lässt aber auch technisch uninformierte Zuschauer nicht verwirrt zurück. Wo technische Details erklärt werden müssen, geschieht das in der Regel – wenn auch mitunter etwas hölzern.

Die ersten beiden Folgen machen tatsächlich Lust auf mehr. Sogar Schweighöfer macht aus seiner eher geringen Bandbreite das beste, gerade zu Anfang ist seine Verwirrung und seine verzweifelte Bemühung angesichts sich häufender Probleme sein Leben zusammen zu halten, spürbar. Ein paar Details deuten an, dass mehr an dem unscheinbaren Familienvater ist, als selbst seine Familie weiß. Und das ist ein Problem …

Viel von der angedeuteten Tiefe führt nämlich nirgendwo hin. Mitunter wirkt es, als wäre das Drehbuch der späteren Folgen noch einmal schnell überarbeitet worden um den Protagonisten in besseres Licht zu rücken. Früh erfährt man etwa, dass Schweighöfers Charakter vor zehn Jahren mal Psychopharmaka nehmen musste, aber nicht warum. Es ist lediglich ein Element, das den Zuschauer erste Zweifel hegen lassen könnte, ob womöglich nicht alles für bare Münze genommen werden sollte, was der Protagonist so von sich gibt. Dieser Handlungsfaden führt nirgendwo hin. Im Gegenteil: Später wird klar, dass die einzige Verbindung des Protagonisten zu einer Psychatrie sein Zivildienst ist – ganz so als wäre eingangs ein ambivalenterer Charakter geplant worden, nur um später ein Storyelement durch ein anderes zu ersetzen, das diese Ambivalenz zurückschraubt. Auf diese Weise führt eine handvoll von Andeutungen ins Leere, gegen Ende wirkt die Serie sehr übereilt.

Warum die Serie letztendlich an ihren eigenen Ambitionen scheitert, möchte ich im Folgenden ausbaldowern und mir dazu ein bestimmes Stilmittel als Beispiel herausgreifen.

AO_You Are Wanted_30    2016 Stephan Rabold Amazon Studios Pantaleon Films Warner.jpg

Schon früh ist der Protagonist gezwungen, sich vor den Behörden auf die Flucht zu begeben. Die Polizei scheint von seiner Schuld überzeugt, also versucht er selbst der Verschwörung auf die Spur zu kommen, die sein Leben zu ruinieren droht. Von da an wird die Handlung gelegentlich durch einen Zeitsprung unterbrochen: Man sieht Schweighöfer im Verhör mir einem Mann im Anzug – BND, lautet die Implikation. Diese Sequenzen spielen später als der Rest der Handlung, auch wenn die Serie sich mehr Mühe hätte geben können, das optisch oder erzählerisch klar zu machen.

Diese Art von Zeitsprung ist kein ungewöhnliches, aber ein adequates Stilmittel, das einer Geschichte eine interessant Dynamik hinzufügen kann. Es darf also erwartet werden, dass You Are Wanted einen Grund hat, dieses Element einzufügen. Welche Information vermittelt der Zeitsprung, die nicht auf andere Weise, zu einem anderen Zeitpunkt hätte geliefert werden können?

Keine. Ab und an bekommt der Zuschauer etwas Exposition geliefert, etwa die Information, dass der BND eine Rolle in der Handlung spielen könnte, oder woher der Protagonist einen anderen Charakter kennt. All diese Informationen hätten auch auf andere Weise übermittelt werden können – in der Tat wird die Einmischung der BND in der eigentlichen Zeitlinie später noch einmal als überraschende Eröffnung dargestellt.

Es scheint keinen narrativen Grund für die Zeitsprünge zum Verhör zu geben. Zuerst habe ich mir dabei nicht groß etwas gedacht, bis ich nach Ende der Serie ein paar Reviews gegoogelt habe und mir etwas ins Auge fiel.

Da […] erinnern Verhöre an „True Detective“ – „die haben wir bewusst als Hommage inszeniert“, verrät Schweighöfer.

TAZ-Artikel (Quelle)

Mit einem Mal wird einiges deutlicher. You Are Wanted orientiert sich in vielerlei Elementen an amerikanischen Vorbildern: Mr. Robot liefert die Hacker-Ästhetik, eine Mischung aus Homeland und The Night Manager das Intro, und True Detective die Idee mit dem zeitversetzten Verhör. Bitte nicht missverstehen: Gerne darf sich der deutsche Filmmarkt am internationalen ein paar Tricks abgucken. Der Tag an dem Geld in einen guten deutschen Actionstreifen oder gar einen Fantasy- oder Sci-Fi-Film investiert wird, ist der Tag an dem ich mit Dankesgebeten auf die Knie fallen werde. You Are Wanted hat keine Probleme, weil die Serienschöpfer amerikanische Serien mögen – You Are Wanted hat Probleme, weil die Serienschöpfer nicht verstehen, was sie da eigentlich kopieren wollen.

Das zeitversetzte Verhör darf da gerne als Mikrokosmos all der Dinge, die bei You Are Wanted falsch laufen betrachtet werden. Hier wird deutlich, dass das Was übernommen wird, aber niemand nach dem Warum fragt. Oder anders: Was ist die Funktion des Zeitsprungs für die Handlung?

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Matthew McConaughey in
True Detective

True Detective erzählt die Geschichte einer brutalen Mordserie und zeigt die Protagonisten in den späten Neunzigern bei der Aufklärung. Gleichzeitig zeigt die Serie uns einen der Protagonisten – Rust Cole – zwanzig Jahre später im Polizeiverhör. Er ist verändert, aber es ist nicht sofort ersichtlich, was ihn verändert hat. Im Laufe der Serie erfährt der Zuschauer nach und nach mehr über die Morde. Der große narrative Knall kommt, wenn deutlich wird, dass der Fall alles andere als vorüber ist. In der Tat: Das Verhör findet statt, weil neue Opfer aufgetaucht sind und Cole mit einem Mal zu den Verdächtigen zählt.

Letztendlich treffen die beiden Zeitlinien aufeinander als beide Protagonisten einander aufsuchen um den Morden ein für alle mal ein Ende zu bereiten. Bis dahin hat der Zuschauer die Protagonisten auf ihren Ermittlungen begleitet, hat sie kennen gelernt und erfahren, was sie antreibt. Coles Veränderung in den Jahren zwischen den beiden Zeitlinien erscheint weniger verwunderlich je mehr wir über die ursprüngliche Zeitlinie erfahren. Das Verhör erfüllt hier also eine doppelte Funktion, indem es einerseits Handlungsrelevante Informationen liefert, und andererseits die unterliegenden Themen der Serie verdeutlicht. Cole ist ein veränderter Mann, weil es die Natur des Bösen in True Detective ist, alle zu verändern, die es berührt. In Cole ist dies nur am deutlichsten zu sehen.

Desweiteren ermöglich das Verhör den Autoren, Informationen über die frühere Zeitlinie weiter auszuführen und so etwa Unklarheiten aufzulösen. Eine Information, die in der ersten Zeitlinie nur impliziert ist, kann so deutlicher gemacht werden, wenn sie für das Verständnis der Geschichte wichtig wird. In dieser Hinsicht steht das Verhör im Dienst der früheren Zeitlinie. Gleichzeitig erzählt es aber auch eine eigene Handlung. Es stellt sich nämlich heraus, dass Cole sehr wohl eine eigene Agenda hat um am Verhör teilzunehmen. Im Gespräch manipuliert er nicht nur die ihn verhörenden Polizisten dahingehend, dass sie ihm Informationen mitteilen, die ihm fehlen, er sorgt auch dafür, dass das Verhör selbst vor Gericht nicht zulässig wäre.

True Detectives Verhör existiert nicht, weil es eine coole Idee ist oder weil andere das Stilmittel zuvor eingesetzt haben. Coles Befragung kontrastiert den Cole der früheren Zeitlinie mit dem der späteren. Es ist thematisch relevant, weil es unterschwellige Elemente der Serie aufgreift: Was ist die Natur des Bösen? Wie leben Menschen ein gutes Leben in einer zutiefst fehlerhaften Welt? Kann ein Mensch den Schatten in sich selbst entkommen? Und zuletzt: Es führt die Handlung der früheren Zeitlinie in der späteren fort und bereitet das Fundament für das Serienfinale in der Gegenwart.

Die einzige Funktion, die das Verhör in You Are Wanted hat, ist Informationen zu liefern. Wir erfahren nichts über die Veränderungen die der Protagonist durchgemacht hat – auch weil der Zeitsprung geradezu lachhaft kurz ist. Thematisch ist das Verhör irrelevant, weil es lediglich Plotpunkte klärt, aber sich nicht mit den Fragen nach Überwachung, Sicherheit und Privatsphäre auseinandersetzt, die die Serie (halbherzig) aufwirft. Und letztendlich bietet es keine eigene Handlung.

Der letzte Punkt hat verschiedene Ursachen. Einerseits sind die Charakter von You Are Wanted recht flach, weshalb es wenig verwunderlich ist, dass der Protagonist im Verhör als größtenteils passiver Plotinformationsausgabeapparat™ daher kommt. Auch der geringe zeitliche Abstand ist nicht hilfreich: Zu wenig kann sich in der Zwischenzeit ereignet haben, als das die Handlung eine andere sein könnte als im Rest der Serie. Zugleich liefert das Verhör aber auch schlicht zu wenig eigene Informationen. Wer ist der Verhörleiter, was sind seine Intentionen? Wie ist das Verhör zustande gekommen? Was will der Protagonist in dieser Szene erreichen? Außerdem sind die Verhörszenen an sich viel zu kurz um irgendwelche Entwicklungen zu ermöglichen.

Wenn das Verhör also eine Hommage an das Verhör in True Detective sein soll, muss man also fragen, an welches Element der Vorlage genau? Die Antwort ist so offensichtlich wie enttäuschend: Es ist eine Hommage an die Oberflächenelemente des Originals und verrät als solche ein schockierendes Unverständnis dafür, weshalb die Vorlage so ikonisch und packend war.

Als solche dient das Verhör in You Are Wanted als perfektes, eigenständiges Beispiel dafür, warum die Serie nicht funktioniert. All die Elemente, die sie sich von ihren Vorlagen zusammeklaubt, sind pure Oberflächlichkeit. Nirgends wird der Eindruck erweckt, dass die Serienschöpfer verstanden haben, weshalb die Kunstprodukte, die sie bewundern, so bewunderswert sind. Infolgedessen gerät You Are Wanted zum Klischeefeuerwerk, das das Verlangen nach seinen offensichtlichen Originalen weckt und spektakulär scheitert, wo es gezwungen ist eigenständige Ideen zu entwickeln. Es begreift die Werke an denen es sich orientiert nur als Aneinanderreihung von Momenten, Szenen, Stilmitteln und Archetypen, und scheint unfähig, zu verstehen, dass eine Geschichte aus mehr besteht. Aus einer guten Geschichte lässt sich kein Charakter, kein narratives Mittel, kein Thema, kein optischer Stil und kein Archetyp herauslösen um ihn in eine andere zu transplantieren um dort den gleichen Effekt zu haben. In einer guten Geschichte greifen diese Elemente ineinander und erzeugen ein Großes Ganzes.

You Are Wanted scheitert darum nicht weil es eine deutsch Produktion ist, die pseudointellektuelle Nabelschau zugunsten von Unterhaltung opfert, sondern weil es grundlegende Elemente und Dynamiken des Geschichtenerzählens nicht versteht, und auch nich die Werke, für die es so große Bewunderung ausdrückt.

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