Es ist mal wieder Zeit für ungeordnete Gedanken mit überdramatischen Titeln meinerseits. Diesmal: Die Serienverfilmung American Gods nach Neil Gaimans gleichnamigem Roman – und warum ich denke, dass im Fernsehen vieles besser funktioniert als im Buch.

Mehr Frevel nach der Unterbrechung.

Gaiman fasziniert mich. Was ich von ihm gelesen habe, gefällt mir, die uneingeschränkte Begeisterung für seine Werke kann ich allerdings nicht ganz nachvollziehen. Als Mensch hingegen schätze ich ihn sehr. Seine in The View from the Cheap Seats gesammelte Non-Fiction habe ich geradezu verschlungen.

Das soll nicht im Geringsten heißen, dass ich seine Arbeit für schlecht halte, ganz im Gegenteil. Nur werde ich stilistisch einfach nicht mit ihm warm. Mit einer Ausnahme: Verfilmungen seiner Werke fand ich bisher für uneingeschränkt großartig. Coraline ist ein effektiver und einzigartiger Horrorfilm im Schafspelz einer animatronischen Kindergeschichte.

Und American Gods …

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Amerika macht Götter

American Gods ist ein Erlebnis. Nach drei Folgen ist über das Gesamtwerk noch nicht allzu viel zu sagen – wer weiß, ob die Serie nicht noch eine ungeschickte Bauchlandung hinlegt? – aber was ich bisher gesehen habe, fesselt. Ich mochte American Gods, das Buch, aber ich denke ich bin bereit, American Gods, die Serie, zu lieben.

Nun lautet die eherne Regel im Nerdkosmos ja eigentlich „Das Buch ist immer besser!“. Gaimans Werke aber scheinen sich geadezu hervorragend für die Leinwand zu eignen. Die Verfilmung von American Gods kann Gaimans Welt zwischen Realität und Mythos, zwischen Moderne und Glauben von Wörtern auf Papier in eine optisch beeindruckende, traumgleiche Reise verwandeln, die von einem mit dem Alter entspannteren David Lynch zu stammens scheint.

Da scheinen die Perspektiven in den Kameraschwenks durch die großen amerikanischen Weiten nie vollkommen richtig zu sein, da hat die Welt neue Götter gemacht, im Ebenbild von Film, Fernsehen, Fernkommunikation. Da sind visuelle Metaphern am Werk, die ihresgleichen suchen. Da ist man sich nie ganz sicher, ob eine Szene Traum ist, Wirklichkeit, oder etwas völlig anderes. Allein optisch ist die Serie eine Wucht, es ist eine Freude, herbeizufiebern, was sich die Macher als nächstes einfallen lassen um in Bildern zu vermitteln, was in Worten kaum die gleiche Wirkung vermitteln könnte.

Die Vorlage teilt diese teils traumwandlerischen Qualitäten, doch erst in der Serie entwickeln sie eine für mich fesselnde Dynamik, gerade weil hier die Bilder für sich sprechen können. Auch wird der Fehler vermieden, Unklarheiten durch einen Erzähler zu beseitigen – wobei es Sequenzen mit Erzählern gibt, für die es aber gute Gründe gibt – stattdessen dürfen die überiridischen Farben, Kompositionen und die düstere Symbolik hier ganz für sich stehen.

Es scheint ironisch, aber womöglich funktioniert American Gods für mich besser als Fernsehserie, weil Gaimans zweifelsohne bildgewaltige Sprache erst in Farbe, in Bewegung ihre volle Wirkung entfalten kann. So schwer das moderne Amerika mit all seinen Widersprüchen in Worte zu fassen ist, so viel vermögen Bilder auszusagen. American Gods ist fasziniert mit der Metapher „Amerika“ und all den ungleichen Elementen, aus denen sie sich zusammensetzt. Es entführt den Zuschauer dabei hinter die offensichtliche Fassade, zu den Wurzeln und unter die Haut und zeichnet mit beeindruckender Optik verschwommene Linien von der Vergangenheit in die Gegenwart in die Zukunft.

Das vermag die Serie ohne viele Worte – und lässt den Zuschauer dafür mit offenem Mund zurück.

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